Blog Beitrag

BLOG

Vorschläge

von Christoph Jungmann

Na, das ist so eine Sache. Ich glaube, das Thema Vorschläge wird eher unter- als überschätzt und dennoch sind sie nicht immer wichtig. Hört sich widersprüchlich an und ist es auch, ich versuche es zu erklären.
Also. Los geht es ja nicht beim Publikum, sondern beim Fragenden. Und das ist der erste Moment, der unterschätzt wird. Man kann so unglaublich viel fragen, aber gefragt wird immer wieder dasselbe, auch bei uns Gorillas. Immer wieder Ort und Beruf und Beziehung und Gefühl. Gibt eigentlich keinen Grund, das so einzuengen. Deswegen mein erster Rat: VOR der Vorstellung (oder auch: der Probe) ein bisschen überlegen, was man fragen kann. Zum Beispiel nach einem Grund, den Beruf zu wechseln. Oder einer Angewohnheit, die man an sich selbst nicht mag. Oder einem Moment, der Dein Leben änderte.
Gar nichts halte ich von Fragen, wo die Antwort keine Relevanz für die Szene verspricht und die oft gestellt werden, nur um irgend etwas zu fragen. Zum Beispiel ein Wetter: wenn Regen kommt, wird kurz Regen gespielt und dann zu 99% vergessen. Am schlimmsten: die Frage nach einer Farbe. Habe in 20 Jahren Impro in den allerseltensten Fällen eine Farbe auf der Bühne umgesetzt gesehen. Aus irgend einem Grund war bei uns mal vorübergehend Mode, nach »einem Versteck aus der Kindheit« zu fragen. Eine schöne Frage, die aber immer wieder folgendes Problem mit sich brachte: Wenn nun »Baumhaus« gesagt wurde, muss die Szene dann etwas mit »Kind« und »sich verstecken« zu tun haben oder steht der Vorschlag Baumhaus nun losgelöst davon? Das sollte vorher klar definiert sein, wie der Bezug der Frage zur Szene ist.
Manchmal find ich's schön, im Moment zu sein und im Moment zu entscheiden, was man für einen Vorschlag einholt. Meine persönliche Erfahrung aber ist: Es kommt einem dann oft dasselbe in den Kopf. Vorher für sich selbst ein bisschen nachzudenken, was man heute fragt, ist nicht verkehrt. Und: habt Geduld mit dem Publikum. Es will lustig sein und sagt Klo. Oder Sauna. Kann man nehmen, muss man nicht. Und ich bin weder ein Freund davon, das erstbeste zu nehmen noch das Publikum aufzufordern (was einige Gorilla-Kolleg*innen gerne machen): Sagt das erste, was Euch einfällt. Das finde ich falsch. Jawohl, falsch (nu, wir sind nicht immer einer Meinung). Gemeinsam nachdenken, was die Anregung für die Szene sein soll, ist immer gut und richtig. Keine Hektik beim Vorschläge-Einholen; übergroße Eile empfindet das Publikum nicht als »Tempo«, sondern als Pflichtübung seitens des Fragenden. Was nicht heißt, dass man sich ewig Zeit lassen soll, sich zu entscheiden. Ach ja, das Leben ist nicht leicht. Aber, über allem schwebt: »Nehmt nichts, was Euch nichts inspiriert« (Keith Johnstone).
Warum glaube ich - bei aller Sorgfalt, die man im Umgang mit Vorschlägen walten lassen sollte - dennoch, manchmal werden sie überschätzt? Weil, wenn das Improvisierte gut war, es aber auf den ersten und auch zweiten Blick nichts mit dem Vorschlag zu tun hatte, wird niemand danach sagen: »Aber wo war der Onkel aus Lüneburg, der eine Rolle spielen sollte?« Naja fast niemand, ein paar Bescheidwisser gibt es immer. Ein Vorschlag KANN eine gute Inspiration für unsere Improvisationen sein, ja man sollte sich anstrengen, dass er es wird, doch wenn das Geschehen einen anderen Weg nimmt, zwängt den Vorschlag der Szene nicht auf. Er soll Euch inspirieren, aber nicht dominieren.
 
Bei der Sommerakademie in Trebnitz unterrichtet Christoph zusammen mit Regina den Fortgeschrittenenkurs »Short cuts« (26.-29.7.). Ab August leiten die beiden die »Abendklasse Dienstag Anfänger« (28.8.-16.10.).
 

Zurück

Einen Kommentar schreiben

Schreibe einen Kommentar