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Plateaus - Wie man das Gefühl beim Improspiel nicht weiterzukommen überwindet

von Dan Richter

Für so gut wie jeden, der anfängt, sich mit Improtheater zu beschäftigen, ist die Erfahrung befreiend, freudig, geradezu therapeutisch. Es ist, als habe man eine neue Welt betreten, eine Welt, in der alles möglich ist. Um sich diese Welt zu erschließen, genügt es, einen Schalter in der Denkweise umzulegen – vom skeptischen Abwarten zum fröhlich-akzeptierenden »Au ja!«
Aber ungefähr nach einem Jahr stellt sich bei etwa der Hälfte der Spieler ein Gefühl von Frustration ein. Sie glauben, stehenzubleiben, nicht weiterzukommen. Manche geben sogar das Hobby, das ihr Leben so sehr verändert hat, auf. Wie kommt es, dass bei vielen Impro-Praktizierenden die anfängliche Begeisterung nach einigen Monaten verfliegt?
Dafür gibt es meines Erachtens zwei Hauptgründe:
Erstens, wir lernen nicht linear. Das heißt, unsere Lernkurve zeigt nicht kontinuierlich nach oben. Vielmehr erleben wir große Aha-Momente, gewissermaßen Lern-Explosionen, in denen Körper und Geist sich verändern, in denen uns Vieles auf einmal klar wird, in denen sich eine neue Erfahrungswelt öffnet. Dann wieder erleben wir Plateaus. Wir arbeiten uns intensiv an einem Thema ab, scheinbar ohne jeglichen echten Erfolg. Die Diskrepanz zwischen Wissen und Können führt zu Frust. Wir brauchen eine Weile, bis wir dieses Plateau verlassen und die Lernkurve wieder Schwung aufnimmt. Das kann mitunter im Schlaf passieren. Wer je ein Musikstück auf einem Instrument gelernt hat, weiß, dass es manchmal hilft, nach intensivem Üben, das Stück zwei Tage ruhen zu lassen, und plötzlich wissen die Finger selber, was zu tun ist.
Zweitens glauben viele Schüler, das Impro-Lernen finde allein im Workshop statt. Das ist ein großer Irrtum. Der Workshop liefert die physische Erfahrung, das gezielte Ausprobieren. Aber dieses praktische Ausprobieren muss an den Geist gekoppelt werden, um der Erfahrung ein Ziel zu geben. Das heißt, ein wichtiger Teil des Lernens findet zwischen den Workshops statt.
Wie können wir diese Erkenntnisse praktisch umsetzen?
1. Akzeptiere das Plateau und das diskontinuierliche Lernen.
Habe Vertrauen, dass sich ein Problem, das du jetzt hast, lösen wird, wenn du einfach weiterarbeitest. Viele fortgeschrittene Impro-Schüler kämpfen zum Beispiel nach einem Jahr mit dem Thema Storytelling. Sie versuchen, sich Strukturen zu merken und diese dann ins Spiel einzubauen. Aber dieses »strukturelle Spielen« wirkt steif und fade. Also versuchen sie noch tiefer ins Thema Storytelling einzudringen. In solch einer Situation ist es am besten, wenn man sich auch wieder auf andere Themen fokussiert, in dem Vertrauen darauf, dass das Wissen nach und nach wie Sediment auf unser Unbewusstes legt, bis wir schließlich frei sind, damit zu spielen, ohne uns darauf konzentrieren zu müssen.
2. Habe ein Notizbuch.
Ist es dir auch schon so gegangen, dass du nach einer Woche nicht mehr wusstest, was ihr beim letzten Workshop ausprobiert habt? Wenn man sich aber nicht mehr erinnert, ist es so, als hätte der Kurs kaum stattgefunden. Es genügt schon, sich drei, vier kleine Notizen über den Workshop zu machen, um den Lerneffekt enorm zu steigern. Man notiere, was man bemerkenswert fand. Das kann einfach eine Liste von Übungen und Spielen sein, interessante Szenen, Hinweise des Lehrers, die man seltsam fand, lustige Sätze, die in Szenen geäußert wurden usw. Jede schriftlich notierte Beobachtung setzt einen mentalen Anker.
3. Lerne zwischen den Workshops
Lernen bedeutet, wie schon gesagt, nicht nur Erfahrungen zu machen, sondern auch, diese Erfahrungen geistig, sinnlich und ästhetisch zu vertiefen.
Nehmen wir das klassische Thema Status. Übungen zu diesem Thema sind meistens sehr spaßig und lehrreich. Aber wir können diese Erfahrung auf ein ganz anderes Level heben, wenn wir uns zwischen den Workshops damit beschäftigen: Wie funktioniert Status bei dem Pärchen am Nebentisch im Café? Wie wird in klassischen Filmen mit Status umgegangen? Welchen Status nehme ich selber in bestimmten Situationen ein? Schon allein das Beobachten und bewusste Registrieren hilft, um uns hier weiterzubringen. Aber wir können auch auf anderen Ebenen lernen: Es gibt inzwischen Dutzende Bücher zum Thema Improtheater, in denen aus unterschiedlichen Perspektiven die Impro-Welt betrachtet wird. Wir können uns selbst Gedanken machen und sie tagebuchartig zu Papier bringen. Und schließlich können wir mit Mini-Übungen trainieren (einminütige Schauspielübungen vorm Spiegel, einminütige Schreibübungen usw.)
4. Gehe mit einer persönlichen Herausforderung in den Workshop.
Vielleicht hast du in den letzten Wochen von deinem Impro-Lehrer als Feedback gehört, du mögest mehr zuhören. Dann nimm dir genau das als Herausforderung für den nächsten Workshop vor, unabhängig davon, was das »offizielle Thema« des Workshops ist. Beschränke dich auf eine Herausforderung. Widme dich wenigstens einmal dem »Fokus des Monats«.
5. Trainiere gezielt Einzelfähigkeiten.
Jeder, der mit Improtheater beginnt, bringt schon ein bestimmtes Set an Fähigkeiten mit, aber eben auch einige Schwächen. Manche dieser Schwächen werden in Workshops kaum oder gar nicht trainiert, haben aber Auswirkungen auf die Performance. So gibt es zum Beispiel nur wenige Impro-Lehrer, die sich ausführlich dem Thema Stimme widmen. Schließlich steht ja das Improvisieren im Zentrum der Workshops, nicht die professionelle Stimmbildung. Wer eine leise Stimme hat, sollte sich also bei Gesangs- oder Stimmlehrern gezielt zusätzlichen Input suchen. Dasselbe gilt für kreatives Schreiben, Pantomime, Tanz usw.
6. Probiere andere Lehrer aus.
Nach einigen Monaten klingt die Stimme des Lehrers zu vertraut. Ich freue mich immer heimlich, wenn meine Schüler begeistert von einem Vertretungslehrer schwärmen, von dem sie dieses oder jenes gelernt hätten und verkneife mir die Bemerkung, dass ich seit Wochen versuche, genau das mit ihnen zu üben. Offenbar war dann genau seine, etwas andere Herangehensweise nötig, um ihnen die Tür zu öffnen. Nach einer Weile braucht man aber auch mal komplett anderen Input. Denn Impro-Lehrer, wie genial sie auch erscheinen mögen, haben auch ihre Macken und blinden Flecken. Man probiere andere Stimmen und Sichtweisen aus. Allein in der Impro-Schule der Gorillas unterrichten derzeit 23 Impro-Lehrer.

Plateaus erreicht man im Laufe einer Impro-Karriere immer wieder mal. Manchmal erscheinen sie als frustrierend, manchmal weiß man sie sportlich zu nehmen. Entscheidend sind die Geduld und die Bereitschaft, Impro als Projekt zu verstehen, das man nie komplett gelernt haben wird, sowie das Wissen, dass man, egal, auf welchem Level man sich befindet, die Impro-Welt stets mit Anfänger-Augen betrachten sollte.

Unser Impro-Kollege Dan Richter (von Foxy Freestyle) hat nicht nur diesen Fokus für euch geschrieben, er verfasst gerade auch ein 12(!)bändiges Werk über Improtheater. Die ersten drei Bücher sind bereits erschienen: »Die Grundlagen« (Bd. 1), »Gruppen, Geld und Management« (Bd. 8) und »Impro-Shows« (Bd.9). Kann man alle HIER direkt vom Erzeuger kaufen, selber lesen oder verschenken…

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Kommentar von Beate Wonde |

Danke! Späte Erleichterung! Ich hab vor Jahren genau an der Stelle abgebrochen und hab jetzt zumindest wieder Lust, Leute genauer zu beobachten, z.B. die ganz ängstlich Voll-Vermummten, die sich vordrängeln, weil sie nicht raffen, dass man 2m Abstand einhält. Freue mich schon auf erfrischendes Lachen bei den Gorillas nach Corona!

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