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Frauen & Impro

von Marie Wellmann

Marie ist die Büro-Chefin der Gorillas und saß mit Ramona (Spielerin, Improschule-Leiterin und Sisters of Comedy-Anstifterin) auf ein Käffchen zusammen. Marie erzählte von ihrer Kolumbienreise und wie sie dort für Impro-Spielerinnen ein Seminar gab zu »Frauen und Impro«. Marie, die Impro »nur« vom Zuschauen kennt, entpuppte sich einmal mehr als sehr genaue Beobachterin und als Ramona fragte: Schreibst du uns darüber einen Fokus? war ihre Antwort: JA GENAU. UND hier ist er:

Über Jahrhunderte oder auch Jahrtausende hinweg ist unsere Gesellschaft geprägt von der männlichen Vorherrschaft, die sich auf so vielen Ebenen auch heute noch fortsetzt. Das Patriarchat ist angeblich schon angezählt, aber noch hält es sich wacker (und mit einiger Gegenwehr). Erst kürzlich habe ich einen Artikel gelesen, dass in unserem – doch so gleichberechtigt erscheinenden – Land immer noch kaum Frauen in leitende Regierungspositionen kommen. 
Ein Blick in die Geschichtsbücher bringt ebenfalls eine Fülle an männlichen Figuren hervor, die scheinbar zu 90% alleine die Weltgeschichte bestimmt haben. Unsere Sprache bildet in vielen Fällen vornehmlich den Maskulinus ab: Wir sprechen also vom »Pilotenstreik«, den »Astronauten« und der »Zahnärztekammer«, meinen aber selbstverständlich auch Frauen damit. Zwar gibt es dazu eine insbesondere in Deutschland starke Gegenbewegung, die mithilfe von Sternchen, Großbuchstaben und dem althergebrachten »innen« versucht, diese fehlende Sichtbarkeit der Nicht-Norm zu verändern, aber so richtig durchgesetzt hat sich das alles noch nicht. 
Was bedeutet das für Impro? Für die Szenen, die gespielt werden, aber auch für die Sichtbarkeit von Frauen ab dem ersten, ganz simplen Moment: Wieviele Frauen sind auf der Bühne zu finden, und was stellen sie dar? Welche Geschichte(n) werden erzählt, und wie kann man das beeinflussen, wenn doch gilt: »Folge dem ersten Impuls«?
Assoziationen basieren auf dem, was wir kennen, und bei einer schnellen Assoziationskette dominieren gerne die tief verankerten Rollenbilder, die wir über Jahre immer wieder vorgelebt und vorgelesen bekommen haben: die Frau als Mutter, die Frau als Tochter, die Frau als fürsorgende Person, die Frau als zickige, zänkische Störerin. Ob es eine Rollenzuweisung von einem männlichen Mitspieler ist oder eine selbstgewählte Definition – denn auch Frauen haben den Brain wash in sich - diese Muster wiederholen sich und setzen sich gerne erstmal durch, weil sie tief verinnerlicht sind. Historische Szenen, die zu Zeiten Bismarcks spielen, kommen ganz ohne Irritation auch gut ohne starke Frauenfiguren aus. Weil wir die Geschichte dieser Frauen nie gehört haben. Aber muss das so bleiben? Um es zu durchbrechen, ist eine Bewusstheit nötig, die sich üben lässt. Reflektion, Diskussion, Aktion. 
In meiner Erfahrung, findet dieses Reflektieren und Diskutieren noch nicht genug Platz. Und auch aufgeklärten, emanzipierten Frauen, die sich selbst nicht als unterdrückt empfinden, passiert es immer wieder, dass sie sich in einer Szene oder einem Charakter wiederfinden, die alte Muster repetieren. Auch hier fühlen sich viele Männer erstmal attackiert und zu Unrecht unter Beschuss, wenn Frauen ihre Gleichberechtigung auf sprachlicher oder szenischer Ebene zum Thema machen. Frauen stecken teilweise lieber zurück, weil sie nicht mit dem »bösen F-Wort« in Verbindung gebracht werden wollen, als die mitunter sexistische Szenenführung von Männern UND Frauen anzusprechen. Aber ohne Diskussion geht es nicht, ohne aktiv weiterzudenken und sich anderen Assoziationen zu öffnen lassen sich Muster nur im Schneckentempo verändern.
Vor 100 Jahren erhielten Frauen in Deutschland das Wahlrecht. Es gibt noch viel zu tun. In diesem Monat vielleicht mit einem Gespräch, wie auch in Impro-Shows bewusst mehr gleichberechtigte Frauen-Figuren Platz finden können. Mit der Frage an Spielkollegen, »wie nehmt ihr das eigentlich wahr?« Oder mit einem Brainstorming, welche Beziehungen es zwischen Frauen noch gibt, welche Berufe mal eine interessante Alternative wären, welche Orte vielleicht besonders prädestiniert für starke Frauen-Begegnungen. Reflektion, Diskussion, Aktion. Und los!

Am 12.11. spielen um 19.30 Uhr zur Feier von »100 Jahre Wahlrecht für Frauen« deutschlandweit 
163 Komikerinnen an 28 Spielorten. Die Gorilla-Ladies haben sich mit den Rixdorfer Perlen zusammengetan und rocken den Abend. Karten für »Sisters of Comedy« hier.

Bei der IMPRO 2019 gibt es einen Workshop nur für »female identifying improvisers«, die sich genau mit dem Thema befasst: Welche Räume können Frauen* sich in der Improvisation miteinander eröffnen: www.improfestival.de – BIF Days: Creating Space Through Playing.

 

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