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Four Days in Galway (oder was ich alles über Irland lernte)

von Leon Düvel

Freitag
Es geht los: Mit Ryanair nach Dublin und dann mit dem Coach (zu deutsch: Bus) einmal quer durch Irland. Da gibt es einiges zu sehen. Grüne Wiesen, grüne Sträucher, grüne Bäume. Dazwischen schwarz-weiße Friesen-Rinder und natürlich diese niedrigen Steinmauern. Alte krumme Gebilde, die dem Land das spezielle Flair verleihen.
In Galway angekommen, holt mich Órla vom Busbahnhof ab. Wir beide sind die Vertreter unserer Länder in dem Projekt »Our Lives«, das von den Gorillas produziert wird. Aus jedem EU Land ein Impro-Spieler, die verschiedene Formate zum Thema »Unser Leben« entwickeln und beim Festival in Berlin alle zusammen auf der Bühne standen. Und nun in der »Spread Out Phase« sich in Duos treffen und gemeinsam etwas veranstalten.
Wir fahren mit dem Taxi in Órlas kleines Häuschen am Rande der Stadt. Dort lerne ich ihre Partnerin Niceol kennen, eine Amerikanerin, die als Straßenmusikerin arbeitet. Beide sind unglaublich nett und geben mir für vier Nächte eins ihrer beiden Zimmer. Und ab jetzt tauche ich ein in das Leben von Órla Mc Govern: Ich spreche nur noch englisch, bleibe lange wach, trinke Guinness, streite darum wer bezahlt, fahre mit Taxis durch die Stadt und lerne die irische Unpünktlichkeit kennen. Irish time, wie sie selber sagen. Die Busse kommen, wann sie wollen und wir laufen dann halt. Die Iren sind die Italiener des Nordens, was man sich anhand der National-Fahnen hätte auch denken können. Und außerdem noch katholisch.
Wir beide lieben das Wasser und gehen sofort zum Atlantik, springen in das kalte Nass. Kaum unter der Oberfläche entdecke ich einen 5-Euro-Schein. Diese Geschichte erzählt Órla fortan allen Freunden, die sie trifft.
 
Samstag
Weil es abends lang und morgens spät wurde, fahren wir mit dem Taxi. Zur Uni, wo der Workshop stattfindet, den Órla für uns organisiert hat. Alle drei, Niceol soll die Kasse machen. Der Taxifahrer hat die schicksten Sachen an, die ich je an einem Personen-Beförderer gesehen habe: Auf Figur geschnittener hellblauer Anzug, modische Krawatte, verspiegelte Glatze und -Sonnenbrille.
Dort angekommen, lerne ich die Teilnehmer kennen. Sie kommen aus Galway, Limerick, Dublin, Belfast. Sie fahren morgens bis zu 350 Kilometer, um zu unserem Workshop zu gelangen. Und das mit meinem Englisch. Thema: Orte zum Leben erwecken, awake the unvisible. Habe gleich erklärt: »My english is not that good, so please talk less and do more in the scenes. That's good for every Improv«. Aus der Not eine Tugend gemacht. Tja, clever you must be. Und es hat funktioniert, sie haben auf mich gehört. Ich konnte ihnen tatsächlich etwas beibringen! Nach vier Stunden mit mir kam Órla dazu und wir haben noch zwei Stunden gemeinsam eine Szene-clinic angeboten. Lief auch nicht schlecht, mein Englisch wurde immer besser.
Eine Stunde Pause und dann die nächste Probe. Für einen Flashmob am Sonntag. Idee: Die Teilnehmer laufen in der Fußgängerzone von Galway als Touristen herum, haben falsche Stadtpläne (z.B. Moskau) dabei und fragen die Leute, wo man hier »the craic« findet. Irisch für: Da wo was los ist. Auf ein geheimes Zeichen (Song: Come together) kommen alle zusammen und tanzen zur Musik der Straßen-Funkband von Niceol. Nach dem Raute-Prinzip, wer vorne ist, führt. Es kommen vielleicht sechs Leute zur Probe und ich lerne noch mehr Iren kennen. Michael schlägt vor, einen Priester zu spielen, alle sind begeistert. Und danach ab in die Stadt.
Órla, Niceol, Lynelle und ich laufen nach Galway City, vorbei an dem Haus der Frau von James Joyce und gehen in eine lokale Kneipe (Irish Pub). Dort ist mächtig Stimmung. Eine Gruppe von Einheimischen macht Musik. Zwei spielen Gitarre, die anderen singen. Wenn nur die Frauen singen, stehen sie auf. Und die ganze Kneipe ist voll. Ein Riesenkrach. Und was mir auffällt: Es sind völlig verschiedene Leute am Rufen, Gestikulieren und Trinken: junge, alte, Iren, nicht-Iren, schicke, sportliche u.s.w. Man trifft sich und kommt gleichzeitig mit anderen ins Gespräch! Und in dem Moment, wo ich denke, ist das geil, jetzt weiß ich, warum es auf der ganzen Welt Irish Pubs gibt, spricht mich ein betrunkener Ire an. Als er merkt, dass ich aus Germany bin, sagt er: »I am sozial-nationalist!« Hui, das muss ich in meiner Euphorie erst mal verdauen und frage aus dem Moment heraus »Why?«. Die Erklärung kann ich wegen der Lautstärke in dem Pub und seinem Lallen nicht verstehen. Möchte ich auch nicht. Ich gehe wieder zu unserem Tisch, erzähle die Story brühwarm den neuen Freunden und auch sie sind einigermaßen entsetzt: »Ja, das ist Irland, das sind die Gegensätze«. Später erzählt mir mein Vater: »Tja, weißt du, im zweiten Weltkrieg sind viele Iren für Deutschland gewesen, nur weil diese gegen England gekämpft haben«.
Später kommen noch Marc und Jacky dazu. Beide aus unserem Workshop. Marc aus dem nordirischen Belfast, die quirlige Jacky von den Aran Islands. Er hat als Nordire auch einen Republik- Irland Pass und kann in beiden Ländern arbeiten und wohnen. Sie war Statistin in dem Musik-Video »Galway Girl« von Ed Sheeran. Wir versuchen uns zu unterhalten, was nicht ganz einfach ist angesichts der Band, die sich gut verstärkt in Stellung gebracht hat.
Neben uns sitzen zwei Vampire. Sie tragen edle schwarze Lederklamotten mit Nieten, im 80er Jahre Style und darunter sehr weiße Haut. Ein junges Pärchen, vermutlich 300 Jahre alt. Jacky springt auf und fragt: »Hey where are you from?« Sie kommen aus Italien, wie wir uns Stille-Post-mäßig weitererzählen. Am übernächsten Tisch ein anderes Pärchen. Nach mehreren Guinness gehe ich rüber: »Hey, where are you from, you look so irisch for me, may I make a foto from you?« Sie sind aus Cork und machen hier Urlaub, sind anfänglich etwas verwirrt, aber einverstanden mit dem Foto. Später kommt der Mann zu unserem Tisch und singt mir ins Ohr: »Eeeeeeeeeeeeeedelweiiiiiiiiiiß, na na na, Eeeeeeeeeedelweiß«. Ich bin verblüfft. Meine Freunde klären mich auf: »He isn`t a Nazi, he just know, as we all, the Musical »The Sound of Music« Und er wolle mit diesem Song seine Verbundenheit mit mir und Deutschland verdeutlichen. Wie sich später herausstellt, kennt dieses Hollywood-Musical, das in den 30ern in Österreich spielt, die ganze Welt außer wir Deutschen und Österreicher. Eine Liebesschnulze mit Anti-Nazi-Hintergrund.
Wir wechseln die Location und gehen tanzen. In einem Restaurant mit Dancefloor, wieder proppevoll. Auch die Straßen sind gut besucht bis spät in der Nacht. Órla schmeißt eine Runde Getränke, ich spaziere zur Tanzfläche. Eine Fremde spricht mich im Gehen an: »You speak german?« Ich bin geplättet. »Yes, I do« Sie soll für jemanden ein Hefeweizen bestellen und will wissen, was das ist. Ich erkläre es ihr, so gut es geht. Geht aber nicht. Auch egal, wir kommen trotzdem ins Gespräch. Nach einer Stunde wildes Tanzen treten wir den Heimweg an. Ein Taxi hält, ich steige vorne ein. Aus den Lautsprechern klingt ein afrikanisches Lied und der schwarze Fahrer singt dazu. Hier kommt der Moment, wo ich denke, ich bin in der Truman-Show. Der ganze Tag wurde nur für mich konzipiert, vorsichtig schaue ich mich um zu Órla und Niceol. Sie schmunzeln wissend.
 
Sonntag
Der neue Tag beginnt, wir sind schon in der Innenstadt. Es werden Stadtpläne und Perücken verteilt. Der Priester ist da, zwei Italienerinnen auch. Sie fallen nicht auf in Irland. Órla und ich wollen ein touristisches Pärchen spielen, da kommt die gute Nachricht: Der Drummer fehlt. Ich werde als Ersatztrommler eingeteilt und Mitglied einer Funkband. Der Flashmob kann beginnen, wir legen los... mit Finn, Ben und Niceol. Es groovt. Finn reißt eine Bassseite und Ben singt spitze in seinem verpennten Zustand. Und ich bin einfach nur happy, kriege das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Die anderen quatschen die Leute an, wo wohl »die Craic« ist und machen dann wie aus dem nichts heraus diesen Tanz. Wao. Anschließend sitzen wir wieder in Órlas Stammkneipe. Ich esse eine »irisch Chowder« (Fischsuppe mit Sahne) und Finn erzählt davon, wie er Statist bei »Game of Thrones« war. In Belfast, in der neuen noch nicht gesendeten Staffel.
Am Nachmittag gehe ich nochmal zum Atlantik, diesmal mit einem Neopren-Anzug, den ich extra mitgenommen hatte. Das Wasser ist noch kälter. Es ist bewölkt und hat etwa 13 Grad. Nach dem kurzen Eintauchen ziehe ich mir Pullover und Regenjacke an, da spricht mich ein Ire an. Er trägt ein T-Shirt: » If the wether is nice, the see is nice.« Ich frage nach: »Is that wether nice?« Und er: »Yes, it is, trust me!«
Bei bestem Wetter gehe ich zurück in die Fußgängerzone, sehe eine irische Stepptänzerin, trödel herum und wandere nachmittags nach Hause. Órla erzählt davon, dass vieles in Irland der langen Unterdrückung durch England geschuldet ist. Und bis heute spürbar. Beim Irish-Dance lassen die Performer die Arme an der Seite, weil damals die Tänzer in der Kneipe von außen von den Engländer nicht gesehen werden durften. Viele Häuser haben kleine Fenster, weil es damals eine Lichtsteuer der Engländer gab. Bei wem es mehr rein scheint, der zahlt auch mehr. Völlig erschöpft gehe ich ins Bett.
 
Monday
My last Day. And my english is getting better and better.We rent a bike for me and make a little trip to the next river. Órla and Niceol own special bikes: Its easy, to make them very little. Which they need for all the Taxi-drives. Approach to the river, we take lots of food out of our bags and start doing a picknick. And the wether is still quite good. Niceol and me are wearing Jackets and Órla just a T-Shirt. Then a great ride through the countryside. Galway County. Again the typical walls of stones, little hills and empty streets. Sometimes the sun appears, a lovely ending for my four days in Galway.
 
Tuesday
Take a taxi. The driver is a good friend of Órla. Thank you for everything!
 

 

 

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Kommentar von cyrill berndt |

Was für eine schöne Beschreibung von Leon’s Zeit in Irland, so lebensnah und echt wirklich toll, als ob man dabeigesessen wäre,
danke Leon.
Beste Grüße
Cyrill

Kommentar von Órla |

We miss you Leon! You definitely have the cool version of the Craic! ;) #beats

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