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Zusammenarbeit und Koexistenz

von Maja Dekleva Lapajne

Wenn im März der Winter so langsam zu Ende geht, ist es Zeit für ein Event, das zu meinen liebsten und für mich einflussreichsten gehört - für meine Arbeit und mein Leben überhaupt: das internationale Festival für Improvisationstheater in Berlin.
Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, als ich 2003 zum ersten Mal ankam und zwei sehr nette, aber merkwürdige Männer mit Hüten auf dem Kopf uns am Ostbahnhof abholten; wie ich mit offenem Mund bei den Shows zusah und spielte und wie mein Herz schneller schlug vor Freude; wie ich eigentlich nicht ins Bett gehen wollte, um keinen einzigen Moment zu verpassen mit diesen unglaublichen Künstlern; wie ich lange Diskussionen führte und Unmengen an Alkohol trank, wie ich endlos feierte; wie ich von zahllosen möglichen Entwicklungen dieser Kunstform träumte und wie ich daran zu glauben wagte, dass Theater spielen mein Beruf werden könnte; wie stolz ich auf mein Land war und darauf, es auf der Bühne zu repräsentieren; wie wir uns darauf freuten, der EU beizutreten; wie ich Salat mit Balsamicoessig aß und rohe Champignons und nachts Steinofen-Pizza; wie ich Spaß daran hatte, gegen das Bombardement der USA im Irak zu protestieren; wie ich daran glaubte, dass Impro-Prinzipien die Welt ändern können.
Jetzt bin ich älter. Ich muss mehr schlafen, ich stecke lange Nächte nicht mehr so leicht weg und ich bin nach zwei Gläsern Wein betrunken. Es ist nicht mehr so leicht für mich, Improshows anzusehen, oft bin ich gelangweilt oder frustriert. Manchmal werde ich ärgerlich, wie wir Improspieler*innen in Konventionen verfallen, zu denen uns keiner zwingt. Ich frage mich, wie ist es möglich, dass alles gleich aussieht, obwohl es improvisiert ist. Stolz gehört nicht mehr zu den Emotionen, die mich überkommen, wenn ich an mein Land denke. Die soziale, politische und ökonomische Situation ist nicht besser als 2003. Ich protestiere immer noch, aber nicht mehr mit Freude, sondern verzweifelt. Die Ungerechtigkeiten innerhalb der EU werden immer größer, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit nehmen zu, internationale Konzerne gewinnen Macht über Regierungen, wir haben uns mit der »Freiheit« arrangiert, billige Produkte zu kaufen, unter deren Herstellungsbedingungen der Rest der Welt leiden muss. Slowenien hat einen rasiermesserscharfen Zaun an der Grenze zu Kroatien gebaut, der eine blutige Linie durch eine Gegend gezogen hat, die früher mal ein Land war. Und so bin ich weder so optimistisch noch so enthusiastisch wie vor 15 Jahren. Und was am traurigsten ist: Ich glaube nicht mehr daran, dass Impro-Prinzipien die Welt retten können.
Aber! Impro ist immer noch meine größte Leidenschaft und mein wichtigstes Forschungsfeld. Und ich liebe die »Impro-community« - Künstler, Publikum, Lehrer, Schüler, Theoretiker, Kritiker - alle Liebhaber dieser unglaublichen Kunstform. Und ich freue mich auf das Festival, das wir (und wie schön, dass ich sagen kann: wir) in diesem Jahr Our Lives nennen. Menschen aus allen 28 EU-Ländern werden sich treffen, gemeinsam Theater spielen, diskutieren, Party feiern, sich verlieben, streiten, austauschen und gemeinsam kreativ sein. Im Gegensatz zu »Meinem Leben«, das dominiert wird von Selfies und persönlichem Fortkommen, individuellem Erfolg und dem Streben nach Geld, liegt unser Fokus auf der Suche nach einer lebendigen Gesellschaft, die sich untereinander versteht und zusammen arbeitet. 
Im Gegensatz zu »unserem Leben«, das eine Uniformität impliziert, liegt unser Fokus auf unserer Unterschiedlichkeit, im Gegensatz zu »Leben«, wo wir uns mit allgemeinen Lebensläufen beschäftigen bzw. eine starke Distanz zum Recherchierten einnehmen, beschäftigen wir uns hier mit konkreten Leben - nämlich den unseren. Durch die Kunst können wir keine sozialen Umwälzungen bewirken, aber wir können gemeinsamer Kreativität einen Raum geben - einen Raum, in dem wir überleben können und dabei sogar eine gute Zeit haben. Wir entwickeln kleine, aber wichtige Modelle der Zusammenarbeit, der gemeinsamen Kreativität und Verbundenheit.
Im März, wenn der Winter langsam zu Ende geht, sollten wir uns treffen. Und wer weiß, vielleicht kommt der Frühling dann schneller.

Maja vom Kolektiv Narobov aus Ljubljana (Slowenien) ist künstlerische Leiterin des zweijährigen Projekts Our Lives, das wir Gorillas momentan gemeinsam mit drei anderen europäischen Ensembles produzieren.

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Kommentar von Birgit Breuer |

Was für ein schöner, kluger Artikel! Da gibt es viele Beschreibungen, in denen ich mich selber wiederfinden kann, die Entwicklung, die man persönlich macht und die - bei mir gerade ganz aktuell - wunderbare Erkenntnis nach so vielen Jahren, dass Impro zwar nicht die Welt retten kann, aber immer noch zu den besten Möglichkeiten gehört, die man gemeinsam, zusammen, sich-aufeinander-verlassend tun kann. Eine gute Zeit!

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