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Über das Ego - in Impro, Theater (und Leben)

von Thomas Chemnitz

Ich habe in meinem nun schon 30-jährigen Berufsleben immer unter jenen Schauspielerkollegen gelitten, die auf der Bühne schonungslos ihr Ego auslebten (meist waren es übrigens Männer). War und ist für mich doch Theater in erster Linie ein Miteinander statt Gegeneinander. Doch wenn ich ehrlich bin, habe ich auch deshalb unter diesen Kollegen gelitten, weil sich mein eigenes Ego von ihrer offensiven Art unterdrückt fühlte. Noch dazu gab der Erfolg ihnen Recht, denn zumeist bekamen sie mehr positives Feedback von Publikum und Regisseuren als ich. Das brachte ihnen die größeren Rollen und mir Ärger und Neid. Denn natürlich wäre es gelogen, wenn ich behauptete, ich hätte kein Schauspieler-Ego. Jeder Schauspieler braucht dieses Ego, warum würde er sonst freiwillig auf die Bühne gehen und andere dabei zuschauen lassen? Jeder Mensch möchte geliebt und anerkannt werden, und der Schauspieler noch dazu und erst recht auf der Bühne. Aber es kommt halt auf das richtige Maß Ego an.
Für mich war die Entdeckung von Impro in Bezug auf das Ego eine Befreiung in doppelter Hinsicht: Zum einen geht es beim Impro wirklich um das Miteinander, um das »JA« zur Situation, zum Partner und seinen Ideen. Dafür muss ich mein Ego zurückstecken (was sehr befreiend sein kann). Zum anderen geht es aber auch um das »UND«: um mich, um meine Kreativität und meine Ideen. So gesehen kann ich als Schauspieler mein Ego beim Impro noch viel befreiter ausleben als bei einem »normalen« Theaterstück oder Film, bei dem ich vor allem den Ideen (und dem Ego) des Autors und des Regisseurs folgen muss. 
Beim Impro bin ich Schauspieler, Autor und Regisseur in einer Person. Wie toll für mein Ego! Und wie schrecklich für meine Mitspieler – wenn ich es nicht schaffe, mein Ego in den Dienst zu stellen: Ich diene der Geschichte. Ich diene dem, was der Moment gerade verlangt. Ich diene meinen Mitspielern. Es gibt diese Impro-Weisheit: Messe deinen Erfolg beim Impro daran, wie gerne deine Mitspieler mit dir zusammen auf der Bühne sind. Das trifft es meiner Meinung nach. Denn keiner ist gern mit einem Spieler zusammen auf der Impro-Bühne, der ständig seine tollen Ideen durchdrücken will, ohne Gefühl für das was die Geschichte und die Mitspieler gerade brauchen. Dagegen freut man sich sehr über einen Mitspieler, der die Szene, die Geschichte und den von mir gespielten Charakter durch seine Ideen stärkt und voranbringt.
Das Ego-Thema gibt es auch in der Improschule, auch wenn die allermeisten Schüler ja keine Schauspieler sind oder es werden wollen. Aber auch hier gibt es immer wieder Schüler, die es lieben, ihre Kreativität, Originalität und Spiellust zu entdecken und (schonungslos) auszuleben. Deren Lernaufgabe besteht darin, ihr Ego zurückzunehmen und in den Dienst zu stellen. Umgekehrt gibt es auch viele Schüler, die sehr von ihrem »inneren Kritiker« bestimmt sind: »Ich bin nicht so gut wie…«, »Mir fällt nicht so schnell was Witziges ein«, »Ob das wohl so eine gute Idee ist?« Diese Schüler wiederum können gut daran tun, ihr Ego zu stärken und einfach mal nach vorne zu gehen. 
Vorantreiben und Ausbreiten, Hochstatus und Tiefstatus, große Gefühle und stille Momente – gutes (Impro) Theater braucht immer beides. Gutes Leben auch.
Vielleicht legt ihr in diesem Monat euren persönlichen Fokus mal auf die Seite, mit der ihr eher Schwierigkeiten habt. Ich wünsche euch viel Spaß dabei!
 
Thomas unterrichtet den Schnupperkurs am 23.+24.6., die Morgenklasse montags für Anfänger+Fortgeschrittene (27.8.-15.10.) und das Wochenend-Special Impro4ever »Shakespeare« am 10.+11.11.

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