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Lampenfieber

von Lutz Albrecht

Schweiß rinnt dir den Nacken runter, Schwindel übernimmt die Kontrolle deiner Knie, dein Herz klopft, dein Brustkorb wird eng und verschnürt dir den Atem.

Flucht oder Angriff?

Mehr oder weniger kennen wir alle dieses Gefühl, wenn wir uns kurz vor einem Auftritt oder zu Beginn eines solchen befinden. Es kommt darauf an wie hoch das Fieber ist. Haben wir leicht erhöhte Temperatur, dann schenkt uns das Lampenfieber eine verstärkte Präsenz, eine erfrischende Wachheit, eine kräftige Konzentration und ein knackiges Reaktionsvermögen. Ist das Fieber allerdings hoch, dann leiden wir an Symptomen wie Zittern, Anspannung, Erröten, körperlicher und emotionaler Beklemmung, Konzentrationsmangel und Vergesslichkeit. Diese Symptome hindern uns, mit Leichtigkeit, achtsam, fokussiert und Ensemble orientiert zu spielen.

Was also tun, wenn das Fieber zu hoch steigt und eventuell sogar in Angst mündet?

Um Maßnahmen gegen zu hohes Lampenfieber oder die Angst einzuleiten, lohnt es sich zu verstehen, womit wir es zu tun haben. In gefährlichen Situationen schießt uns blitzartig, evolutionsbedingt, Adrenalin und Noradrenalin ins Blut, um uns auf Flucht oder Angriff vorzubereiten – um zu überleben. U.a. steigt der Blutdruck, die Muskeln werden stark durchblutet, um fliehen oder kämpfen zu können. Das passiert alles sehr schnell und automatisch (wenn man erst minutenlang überlegt hätte, ob der Säbelzahntiger gefährlich ist oder nicht, hätte er einen schon längst aufgefressen). Können wir das Adrenalin und Noradrenalin nicht durch körperliche Bewegung abbauen, dann bleiben wir im Alarmzustand und leiden an den oben genannten Symptomen.

Aber ist ein Bühnenauftritt eine gefährliche Situation? Auf jeden Fall keine lebensgefährliche. Warum bekommen dann aber einige Darsteller dieses hohe Fieber?

Lampenfieber ist mit der Erwartung verknüpft, dass die Qualität des Auftritts vom Publikum und eventuell auch von den Kollegen negativ beurteilt wird. Der Übergang zur Prüfungsangst ist fließend. Gedanken wie: »Wenn das Publikum und meine Kollegen mich negativ beurteilen, werde ich dann noch angefragt? Wenn ich nicht mehr angefragt werde, woher bekomme ich dann meine Jobs, mein Einkommen. Wie werde ich meine Miete zahlen…« Wenn sich die Gedanken derart katastrophisierend hochschaukeln, kann es (in Gedanken) schon existentiell werden.

D.h. ich habe negative Gedanken kurz vor dem Auftritt oder eine negative Grundhaltung an sich, wenn ich davon ausgehe, dass die Zuschauer/meine Kollegen meine Leistung schlecht bewerten werden. Glaubenssätze, wie z.B. »ich kann das nicht«, »ich bin nicht gut genug« oder »die anderen sind besser« etc. sitzen sehr tief und können das Fieber auslösen.
Diese Mantras, die wir entweder schon während unserer Kindheit eingeimpft bekommen oder uns selber zugelegt haben, kann man nicht so einfach über Bord werfen.

Was können wir also tun?
Als erstes hilft schon mal zu akzeptieren, dass wir Lampenfieber haben. Verdrängung hilft bei Ängsten nicht, aber sich ihnen stellen schon. Durch Bewegung können wir das Adrenalin und Noradrenalin abbauen. D.h. ein körperliches warm-up hilft sofort. Wir können uns zusätzlich auch durch positive Gedanken etwas beruhigen und unserem inneren Zensor Paroli bieten: »Ich habe Lust auf den Auftritt. Warum sollte der Auftritt schief gehen?«, »Es bereitet den Zuschauern Freude, einen Spieler beim Impro scheitern oder straucheln zu sehen. Was also soll passieren?«, »Ich bin nicht allein. Wir sind ein Team.«, »I’m so sexy!«

Wir können auch unsere vom Fieber ergriffenen Kollegen durch Zuwendung beruhigen: »Du bist doch ein guter Improspieler.« Oder wir atmen einen schönen Duft ein, z.B. Lavendel. Der Geruchssinn hat einen direkten Draht zur Amygdala (Mandelkern), der Gehirnregion, die stark an der Vermittlung von Gefühlen beteiligt ist. Oder wir lenken uns ab, z.B. durch warm-up spiele.

Langfristig gesehen habe ich die Möglichkeit, meine negativen Glaubenssätze umzuprogrammieren: »Ich kann das«, »ich bin toll« oder »ich bin zuversichtlich«. Ich kann mir nach und nach eine andere Haltung aneignen, mich selber umkonditionieren: tolerant mit Fehlern und Schwächen umgehen - mit den eigenen und denen der anderen. Den Leistungsanspruch runterschrauben usw.

Wir sind dem Lampenfieber oder der Angst also keinesfalls hilflos ausgeliefert.

»An sich ist nichts weder gut noch böse. Das Denken macht es erst dazu«. (Shakespeare)

Lampenfieber und Angst kommen schnell, aber Impro ist schneller – ätsch! (Lutz Albrecht)

Lutz Albrecht unterrichtet bis zum 30.4. die Abendklasse Anfänger Montags und ist auch als Gastspieler für die Gorillas auf der Bühne zu sehen.

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