Fokus des Monats

Hier nehmen wir immer zu Monatsbeginn einen Aspekt aus dem komplexen Gebilde Impro genauer unter die Lupe. Möge es Euch und uns inspirieren!

JANUAR

Traut euch!

geschrieben von Björn Harras 

Viele Sachen haben auf einer Impro-Bühne Platz. Sei es ein Flug durchs Weltall oder eine düstere Familienszene im Keller. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Aber das ist oft leichter gesagt als getan.

Viele Szenen spielen in einer recht überschaubaren Welt. Der Vater, der Liebhaber, die Frau und Mutter oder das Geschwisterpaar sind Szenen, die jeder kennt. Dann kommt noch dazu, dass der eine die andere liebt und der liebt dann noch jemand anderen und fertig ist die Standardszene.
So weit – so langweilig.

Wie schaffen wir es also, unsere Fantasie zu erweitern? Wie schaffen wir es, aufregendere Szenen zu spielen? Wie schaffen wir es, über unsere Grenzen hinauszugehen?

Wir müssen uns einfach nur trauen. Wir müssen uns trauen, unsere eigene beschränkte Welt zu verlassen und uns mitten ins Abenteuer zu stürzen. Auch mal Angebote zu machen, die im ersten Moment nicht zur Szene passen.

Standardszene zwischen Mann und Frau? - Offenbare ihm, dass du eine unglaubliche Entdeckung gemacht hast und fliege mit ihm nach Südamerika und erlebe ein Abenteuer im Dschungel mit Eingeborenen und einem versteckten Schatz.

Denn Veränderungen sind der Motor jeder Szene. Wenn sich nichts verändert, bleibt sie so wie sie ist und sie läuft sich früher oder später fest. Denkt auch mal quer und versucht euch nicht zu zensieren. Diese Stimme im Kopf kennt doch fast jeder: »Ob ich das jetzt machen kann?« - JA KANNST DU!
In den heiligen Hallen unserer Improschule könnt ihr alles ausprobieren. Seid wütend, verletzlich, Astronauten und Piraten, winzig klein oder ein angelutschter Stift im Mantel des Weihnachtsmanns.
Traut euch! - Es kann euch nichts passieren.

Björn unterrichtet zusammen mit Inbal Lori die beiden Kurse Improvisation für Bühne und Film:
Teil 1: Impro-Basics und Figurenentwicklung - 6.3. bis 29.5.

 

2017

DEZEMBER

Freude am Tragischen

geschrieben von Lee White 

Manche Lehrer versuchen Anfänger von tragischen Momenten wegzulenken. Sie sagen immer: „Bleib positiv! Suche ein positives Ende!“ Selbst ich sage Schülern, dass man sich mit tragischen Geschichten in schwieriges Fahrwasser begibt.
Wir brauchen tragische Momente in unseren improvisierten Geschichten. Diese ganze Positivität kann ein bisschen zu viel werden. Eine gute Show sollte ausgeglichen sein und eine Palette an Gefühlsmomenten haben. Trauriges und Tragisches gehört dazu. Also: Lasst uns über die Tragödie reden.
In diesem Wort steckt sehr viel. Im Storytelling gibt es viele verschiedene Ansätze dazu. In Improshows erlebe ich oft, dass für das Tragische wenig Fantasie verwendet wird.
Manche Improspieler glauben, dass es komisch ist, einer Szene ein trauriges oder tragisches Ende zu geben. Dass das Paar sich am Ende scheiden lässt oder einer den anderen umbringt, macht die Szene aber nicht gleich zur Tragödie – oder umgekehrt zur Komödie. Ein Charakter, der plötzlich zum Arschloch wird oder irgendetwas macht, das gar nicht zu ihm passt, nur um eine Reaktion zu bekommen oder um die Geschichte tragisch enden zu lassen, bringt es auch nicht. Ein trauriges Ende macht eine Story nicht zu einer guten Tragödie.
Im Leben passieren chaotische und zufällige Dinge, ohne ersichtlichen Sinn oder Grund. Manche zeigen das gerne in Szenen. Ich denke aber, dass dies eine bekannte Tatsache ist. Wir erleben sie tagtäglich. Warum sollte man es also zeigen? Wenn wir zeigen, dass das Leben ohne Grund grausam ist, dann müssen wir Menschen zeigen, die dies überleben können und dass das Leben trotzdem weitergeht.
Es kann funktionieren oder sogar gut sein, mit einem tragischen Akkord zu enden. Aber ihr solltet wissen, warum ihr eine Geschichte erzählt, die mit dem Schlussgedanken »Schlimme Dinge passieren im Leben« endet. Einfach so mit dem tragischen Moment aufzuhören, hinterlässt ein Publikum ohne viel Hoffnung und auf einen sorgenvollen Weg nach Hause.
Für mich als Zuschauer gibt es ein Element, das ich brauche, um mich am Ende einer tragischen Geschichte gut zu fühlen (Ja, ich möchte mich gerne gut fühlen nach einer Tragödie. Meine Mama sagte immer, wenn sie nach einer traurigen Show heulte: »Es geht doch nichts über ein paar gute Tränen.«)
Eine gute Tragödie sollte uns etwas vermitteln. Die Zuschauer müssen mitbekommen, wo der Protagonist, der nun so leidet, etwas falsch gemacht hat. Zeigt, was falsch gelaufen ist! Dann können wir die Lektion erkennen, die uns hoffentlich eine Erkenntnis über uns bringt, über unsere gemeinsame Existenz auf diesem Planeten. Die Zuschauer sollten Hinweise bekommen, wie sie es vermeiden können, die gleichen Fehler zu begehen wie der tragische Held. Vielleicht denken sie dann über ihre Vergangenheit nach und verändern ihre Zukunft. Für mich ist der Gedanke wichtig, dass die Zuschauer aus den Geschichten, die wir auf der Bühne erfinden, etwas lernen sollten. Aber auch nicht immer.
Bei einer Tragödie halte ich es für entscheidend, dass die Zuschauer mit etwas nach Hause gehen. Wenn es nicht Hoffnung im Leben ist, dann eine Lektion oder ein Gedanke, der eine neue Perspektive gibt. Was wir von Charakteren aus Geschichten lernen, leitet uns durch unser alltägliches Leben. Eine große Tragödie kann die Zukunft der Zuschauer verändern.

Lee White ist ein Kanadischer Improspieler, der seit einiger Zeit in Berlin lebt. Als eine Hälfte des Duos CRUMBS war er regelmäßiger Gast des jährlichen Improfestivals IMPRO. Lee unterrichtet das Taster Weekend am 2.+3.12. und die Abendklasse für Anfänger/Fortgeschrittene auf englisch vom 7.3. bis 25.4.

 
NOVEMBER

Liebe Fokus des Monats-Leser, übermorgen ist Abgabetermin für meinen Fokus des Monats. Ohje! Ich habe noch NICHTS, noch nicht mal eine Idee über was ich schreiben soll und eigentlich auch überhaupt keine Zeit mehr, da ich sowohl abends als auch tagsüber spiele, probe, unterrichte. Ich habe es lange vorher gewusst und -wie es so ist- immer wieder vor mir hergeschoben. Jetzt hab ich den Salat. Ich bin völlig überfordert! Ok. Wie war das noch mit den Impro-Tools? Ich nehme das was ist an. Sage ja zu dem was ist. So war das doch... Also - was ist? Ich bin überfordert. Das habe ich so Ramona gesagt, Hüterin der Fokusse des Monats und ihre Antwort war: »Dann schreib was Unperfektes. Schreib über Überforderung.« Sie traf den Nagel auf den Kopf. Hier ist er also, mein Fokus des Monats:

Überfordert sein

geschrieben von Konstanze Kromer 

 
Wie oft predige ich diese zwei Prinzipien:
1. Mach deine vermeintliche Überforderung öffentlich oder
2. Nimm die Überforderung als Angebot.

Wie sehr haben wir Angst davor, mal nicht weiter zu wissen in einer Szene. Blockiert zu sein, keine Ahnung zu haben was da gerade passiert. Keine Idee zu haben...oh Gott!
»Dann mach es öffentlich«, sag ich. Sage einfach »Stopp«, wende Dich ans Publikum und frage z.B. »Wer ist er - mein Vater oder der Lehrer? Ich steh grad auf dem Schlauch.« Das Publikum weiß es und wird Dich lieben für Deine Offenheit.
Gerade letztens hatten wir das wieder bei einer Show. Es war alles völlig krude und kompliziert geworden, wir sahen nicht mehr durch und wir konnten das auch nicht szenisch klären. Da haben wir es einfach öffentlich gemacht. Haben das Publikum involviert, befragt und - Zack - war alles klar und wir konnten entspannt und lustvoll weiterspielen. Danke Publikum! Es ist unglaublich entlastend zu wissen, dass man das zur Not immer machen kann. Du musst nix verstecken, aushalten oder durchboxen. Zur Not eben: Öffentlich machen. So wie ich jetzt: Hilfe, ich bin überfordert mit diesem Fokusschreiben!

Die zweite Erkenntnis:
Alles ist ein Angebot. Stehst Du völlig verkrampft und schnappatmend auf der Szene: Dann ist deine Figur eben z.B. ein verkrampfter Tiefstatus, der gleich sein erstes Date seit 10 Jahren hat und nicht mehr in die Lieblingshose passt. Oder eine Frau, angeklagt als Hexe, die gerade furchtbar Angst vor der Folter hat und nicht weiß, wie ihr geschieht.... Whatever.
Selbst überfordert zu sein ist also ein Geschenk: Immerhin habe ich über das Öffentlich-Machen bei Ramona doch ein Fokusthema gefunden. Und hey, ich traue mich jetzt, einfach einen knappen unperfekten Text rauszuhauen. Danke Ramona!

Kleiner Tipp noch zuletzt:
Warte nicht im Unterricht, bis Du ran MUSST. So wie ich jetzt mit dem Fokusschreiben. Schmeiß dich einfach gleich rein in die Szene, auch wenn Du denkst, Dir fällt nix ein. Du ersparst Dir den ganzen »Vorher-Stress«. Und hinterher geht's dir super.
Jump and the net will appear!


Konstanze unterrichtet mit Charme, Klarheit und weisem Blick ab Januar den Anfängerkurs am Dienstagabend.
OKTOBER

Keine Regeln!

 

geschrieben von Inbal Lori
 
Hier kommt etwas, von dem ihr vielleicht schon mal gehört habt, aber es ist immer wieder gut, sich daran zu erinnern: Es gibt keine Regeln in der Improvisation. Mal ehrlich, würden wir das hier machen, wenn wir noch mehr Regeln in unseren Leben bräuchten? Haben wir nicht schon genug davon? Ich finde, dass wir oder zumindest einige von uns wegen der Freiheit, der Freude, der Kreativität und der Verspieltheit improvisieren. Und nicht, weil wir Technokraten sind und gerne Regeln befolgen, oder?
Und was ist dann mit »Sag Ja!«, »Rede nicht über das, was du tust!«, »Stelle keine Fragen!«, »Kläre die W-Fragen!«, »Vermeide Lehrer-Schüler-Szenen!« und so weiter??? Ja, das sind wunderbare Werkzeuge, aber sind es Regeln? Könnten wir nicht auch eine großartige Schüler-Lehrer-Szene spielen? Könnten wir nicht über das reden, was wir gerade machen, und dabei eine sehr komische Interaktion miteinander haben? Könnten wir nicht sogar mit einem Blockieren eine Szene ganz woanders hinbringen und dadurch deutlich verbessern?
Na sicher, beim Unterrichten benutze ich all diese hier aufgeführten Themen und noch viele andere. Aber ich benutze sie nicht als Regeln, sondern als Techniken, als Werkzeuge.
Jetzt ist es nur fair zu fragen: Wenn es also keine Regeln gibt, womit fange ich dann an? Wo gehen wir hin? Welcher Sache folgen wir? Wie können wir wissen, wann wir was machen sollten?
Meine Antwort darauf: Als Anfänger solltest du mit diesen Techniken so viel wie möglich arbeiten, lote die spielerischen Möglichkeiten aus, die sie dir bieten.
Je fortgeschrittener Du bist, umso mehr sind diese Techniken von dir bereits internalisiert worden. Du wirst mehr Bewusstsein darüber haben, wann du was am besten anwendest. Und manchmal kann es auch sein, dass Du merkst: Für die Szene ist es momentan besser, wenn ich das jetzt mal nicht so befolge wie sonst. Du wirst die Freiheit besitzen, sie zu benutzen, wenn es Sinn macht und nicht zu benutzen, wenn es keinen Sinn macht.
Anstatt also blind den »Impro-Regeln« zu folgen solltest Du deinen Fokus lieber auf das legen, was Dir und - noch wichtiger - deinem Partner und – ebenso wichtig - dem Publikum Freude bereitet. Und falls das bedeutet, etwas ganz anders zu machen, als Du es gelernt hast, na dann prima, mach es ruhig! Aber denk' daran: es muss deinem Partner und dem Publikum Freude bereiten. Schließlich geht es darum, die bestmögliche Show zu spielen.
Ich möchte zum Abschluss die großartige Patty Stiles zitieren, die letztes Jahr in Canberra gesagt hat: »Es gibt beim Impro keine Regeln, nur Möglichkeiten. Das einzige, was einer Regel nahekommt ist der ethische Kodex: Lass deinen Partner gut aussehen!«
Ich liebte diesen Satz. Denn ich denke, er erinnert uns an das Allerwichtigste: Wir machen das hier gemeinsam, Improvisation geschieht im Miteinander, also: Nimm deinen Partner wahr und höre ihm zu! Hierin steckt deine größte Quelle und Inspiration. Dem sollst du folgen, und dem, was Freude bringt. Dann benutze die gelernten Techniken oder auch nicht, ganz wie es gerade nötig ist. Habt vor allem Spaß!

 

 

 
SEPTEMBER

Impro und Therapie

geschrieben von Regina

Impro regt Veränderungen an. Wer improvisiert, der ist mit Handlungen beschäftigt. Auf der Bühne soll gehandelt werden! Unweigerlich verändert sich dadurch auch die Situation. Im besten Fall bewirkt jede Aktion meines Partners eine Veränderung in meinem Spielverhalten und vice versa - ein Ping Pong-Spiel, das ungewöhnlichste Verhaltensweisen hervorbringen kann.
Als systemische Therapeutin ist mein Ziel, Menschen die Möglichkeit zu bieten, Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Beim Impro versuchen wir alles, was da ist, miteinander zu verbinden - aufeinander zu beziehen. Und da ist der Schritt Impro und Therapie in meiner Arbeit zu verbinden, naheliegend.
Wie kann beides verknüpft werden kann und wo sind überhaupt Verbindungen?
Je mehr ich mich mit der systemischen Therapie beschäftigt habe, desto mehr Verbindungen fand ich. Ich bin überzeugt, dass meine intensive Beschäftigung mit Impro auch meine eigene therapeutische Haltung prägt. Viele Aspekte von Impro sind dabei für mich wichtig: akzeptieren der Vorstellungen der Spiel- /Gesprächspartner, wahrnehmen des ersten Impulses bei mir und meinem Partner, den Fokus auf die Interaktion zwischen den (Spiel-) Partnern richten, Vertrauen in das, was gerade entsteht, haben und flexibel auf das, was entsteht, reagieren und Ungewohntes zulassen.
Bei meiner Tätigkeit in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und in einer psychiatrischen Ambulanz konnte ich das Potential von Improübungen nutzen. Ein Highlight war für mich die Statusarbeit mit den Jugendlichen. Zu erleben, wie sich einige in der Impro selbst überrascht haben, als sie plötzlich völlig anders agierten als sonst und das dann auch von den anderen wahrgenommen wurde. Plötzlich ist es möglich, auch mal mit direktem Blick jemanden anzusehen, ein Gespräch zu dominieren. Dieser einfach schöne Moment, wo der- oder diejenige plötzlich erkennt: ah das kann ich auch!
Wie können diese Erfahrungen aus der spielerischen Situation auf den Alltag übertragen werden? Wie kann das verantwortungsvoll begleitet werden? Welche Übungen sind in welchen Situationen und bei welchen Schwierigkeiten besonders hilfreich? Diesen Fragen stelle ich mir bei meiner Arbeit, finde Wege und suche nach weiteren Möglichkeiten. Und ich suche - welch ein Glück - nicht alleine, denn noch jemand bei den Gorillas befasst sich mit dieser Verknüpfung und erprobt sie: Barbara, als Musiktherapeutin. Bei unserem ersten Fachtag in diesem Frühjahr konnten wir uns mit vielen interessierten Therapeuten austauschen. Und im Herbst folgt ein Netzwerktreffen!
Auch andere nutzen bereits Improvisationstheatermethoden im therapeutischen Kontext,  so wie die Kollegen von Second City in Chicago, die für Menschen mit sozialen Ängsten zusammen mit einem Gesundheitszentrum Improworkshops anbieten.
Und, um den Stein weit zu werfen: wann gibt`s wohl den ersten internationalen Austausch zu Impro und Therapie?

Regina gibt zusammen mit Barbara interessierten Therapeut*innen einen Einblick in das Mysterium Impro. Ganz praktisch, verspielt und mit Zeit zum Reflektieren werden verschiedene Übungen auf ihre Umsetzbarkeit in der therapeutischen Praxis abgeklopft. Die beiden können das, weil sie nicht nur Gorillas sondern auch Musiktherapeutin bzw. Systemische Therapeutin sind und genau für diese Verbindung brennen. Wir wünschen viel Spaß! (Wochenende 14.+15.10.2017)

AUGUST

Druck

 

geschrieben von Karin Werner

»Druck ausüben«, »unter Druck stehen« – zu Recht sehr negativ belastete Worte.
Und doch finde ich in der Improvisation Situationen, in denen ein sanfter oder auch fordernder Druck mir hilft, tiefer in eine Situation einzusteigen, einen ungewisseren Weg zu gehen.
Es ist großartig eine Figur auf die Bühne zu stellen, die das Publikum mag, mit der es lacht. Ja, natürlich macht es Spaß zu kokettieren, »noch einen drauf zu setzen«. Und dann kommt manchmal der Moment, in dem die Figur plötzlich in eine ernsthafte Situation gerät, die ich als Spieler spaßig auflösen kann oder ich mache mich verletzbar, lasse mich auf eine Emotion ein. Dieser Moment ist ein Geschenk.
Ich entscheide schnell und meist unbewusst, nehme ich dieses Geschenk an oder nicht. Siegt die Angst oder die Bequemlichkeit ist es gut, einen Mitspieler zu haben, der mit sanftem Druck darauf besteht, dass ich nicht ausbreche - ist es gut, wenn die Regie von außen fordert, dass ich das Gefühl zulasse. Habe ich Vertrauen in Mitspieler, Regie oder am besten in beide und öffne mich, bekommt der kurzweilige Abend eine wunderschöne zusätzliche Farbe.
Auch diejenige zu sein, die mit dem Gedanken »Komm jetzt, bleib hier dran!« versucht das Gegenüber zu halten und zu tragen, ist ein sehr dankbarer Augenblick auf der Bühne.
Natürlich auch beim Unterrichten. Was für eine Freude, zu sehen, wie es jemandem gelingt, einen Schritt vorwärts zu gehen, eine Angst zu überwinden. Das klappt nicht immer und dann will ich da sein und ermuntern, es immer wieder zu versuchen. So wie ich.
 
Im Herbst unterrichtet Karin den Anfängerkurs mit Urban vom 4.9. bis 22.10. In Potsdam leitet sie den Kurs für Anfänger und Fortgeschrittene vom 27.9. bis 29.11.
JULI

Leere (...)

 

geschrieben von Leon Düvel

Ich werde manchmal nach der Show, wenn wir noch mit Gästen gemütlich am Tresen sitzen, gefragt: Hast du keine Angst, dass dir nichts einfällt? Hattest du schon mal einen Blackout? Ja, ich hatte schon mal einen Blackout. Und ja, früher hatte ich tatsächlich Angst, dass mir nichts mehr einfällt, Angst vor der Leere (...) Inzwischen zum Glück nicht mehr, denn ich weiß: Leere gibt Platz. Platz für den Spielpartner, Platz für die Phantasie der Zuschauer und Platz für die eigenen Gefühle. Also: Habt keine Angst vor der Leere!

Die Gefahr ist größer, viel zu reden ohne etwas zu sagen. Zu schnell neue Angebote zu machen, anstatt das Aktuelle auf die Spitze zu treiben. Nicht ins Detail zu gehen, um das große Ganze voranzutreiben. Da würde etwas Stille, eine »Leerstelle« gut tun. Eine Verschnaufpause, die das Gesagte, das Gespielte sacken lässt.

Die Leere sollte aber nicht dafür genutzt werden, wirklich auszusteigen. Es ist keine Pause für die Spielerin, den Spieler. Besser ist, man bleibt einfach dran: mit Spannung und Gefühl. Dann kommt von alleine das nächste Angebot. Alles eine Frage der Energie. Bleibt die Energie, bleibt die Spannung. Dann bleibt das Gefühl oder ein anderes kommt. Die Leere sollte nicht dazu führen, das die Improvisation stoppt (…) Dann sollte man sie füllen.

Die Leere ist eigentlich etwas sehr Schönes. Etwas, das wir suchen sollten, ja sogar Heiliges. Denn sie zu finden, ist unheimlich schwer. Nichts zu tun, ist fast unmöglich. Eine leere Bühne kann ein wichtiger Moment in einer Aufführung sein. Sie schafft Atmosphäre, gefüllt mit all den Gedanken und Bildern, die es zu verarbeiten gilt.

Wenn ich ehrlich in mich hineinhorche, so an der Bar, lauert da immer noch eine kleine Furcht vor dem Blackout (...) Aber das ist nicht schlimm, ist sogar gut, gut für die Auftrittsenergie. Dann bleibt »Impro« spannend und ein Drahtseilakt. Doch zu viel Angst sollte man nicht vor dem »Nichtwissen« haben, denn wenn es passiert, gibt es hoffentlich Fehler. Und wie ihr bestimmt wisst: »Fehler sollten Freunde sein«. Siehe Fokus Mai 2016. (Mehr Sorge hätte ich vor einem Stromausfall, dazu empfehle ich das Buch »Blackout« von Marc Elsberg)

Wenn wir uns dann nach meinem dritten alkoholfreien Hefeweizen (Impro-Spieler brauchen keine Drogen) am Tresen verabschieden, sage ich manchmal beim Auseinandergehen: »Mehr Sorgen würde ich mir machen, in einem eingeprobten Stück den Text zu vergessen.« Mein inzwischen betrunkener Gast (er ist kein Impro-Spieler) sagt dann gerne: »Tja, da musst du wohl improvisieren, wa?« (…) Und da fällt mir meistens nichts mehr ein. Gute Nacht.

Leon unterrichtet ab September die Bühnenklasse und die Heldenreise im Impro4ever-Level ab November, garantiert drogenfrei.

JUNI

Der kleine Unterschied

 

geschrieben von Billa Christe

In den letzten Jahren habe ich durch meine Streifzüge durch die Berliner Theaterwelt festgestellt, dass viele Regisseure mit der Improvisation als Mittel arbeiten. Schauspieler/innen werden angehalten eine Sequenz zu improvisieren und wehe sie wiederholt sich am nächsten Abend. Armin Petras, der jahrelang am Maxim Gorki Intendant war und viele, viele Stücke dort inszeniert hat, ist so jemand. Ich saß im Theater und dachte: „Warum ist das so authentisch?“ Weil improvisiert. Umgekehrt dachte ich dann: „Warum machen wir es nicht andersherum, und spielen mehr so als inszeniert?“ Gesagt, getan. Theater improvisiert entstand, jetzt als »#NEU« bekannt.

Improvisationstheater lebt davon im Moment zu sein, die Spieler und Spielerinnen gehen Risiken ein, wissen nicht, was sie tun? Ich glaube in all den Jahren - 20 Jahre wie ihr wisst - dass Improtheater mehr kann, als „nur“ Szenen spielen, die durch die Vorgabe des Publikums entstehen. Ich mag es, wenn ich Spieler auf der Bühne sehe, die genau wissen, was sie tun, bzw. so tun als ob, es behaupten. Die sich einlassen auf den Partner, aber auch der Partner sieht, was man selber spielen will. Ich lasse meinem Partner den Moment, einen dreiminütigen Monolog zu halten, so, als sei er aufgeschrieben, kein Gezappel, ganz sicher und natürlich behauptet, weil man ja nicht weiß, wohin die Reise geht.

Durch all die jahrelang gelernten Regeln („lasst euch aussprechen, alles ist schon da, lasst den Partner gut aussehen, tut was, fragt euch, was ihr miteinander zu tun habt“ ) haben wir die besten Voraussetzungen Theater zu spielen. Kommt auf die Bühne und wisst, wo ihr vorher wart, geht von der Bühne und wisst wohin: Das ist das 1x1 des Theaterspielens.

Ich bin dafür, das mehr zu machen, es zu unterrichten und auch zu spielen. Letzteres gelingt mir nicht immer, ich kokettiere dann doch wieder mit dem Publikum, aber egal, ich versuche es, der Weg ist das Ziel.

Das größte Kompliment ist doch, wenn die Zuschauer es nicht glauben können, dass die Szene eben frei improvisiert war. Das gibt dem Ganzen das gewisse Extra. Und es ist eine Riesenfreude, wenn man Geschichten und Gefühle hochholt, weil man sie kennt, sich darin auskennt.

Ab damit auf die Bühne, es ist Zeit dafür. Impro kann mehr. Mehr Theater.

Billa unterrichtet genau dieses Thema in einem Wochenendkurs am 17. und 18.6. Und weil der so schnell voll war, tut sie`s gleich noch mal und zwar am 2. und 3.9.2017.

 

 

MAI

Überraschung

geschrieben von Christoph Jungmann

Es war, glaub' ich, im Herbst 1985. Ich nahm im damaligen Transformtheater (wie lange etwas her ist, merkt man, wenn man es beim googeln nur mit großer Mühe findet) in der Hasenheide an einem Theaterworkshop teil bei einem polnischen Regisseur, ein älterer, geradezu weiser und sanfter Mann. Der sagte, nachdem ich eine Szene gespielt hatte, mit seinem charakteristischen Akzent: „Weißt Du, Theater iist vor allem: Iberraschung!“ Definitiv kein anderer Satz hat mein Berufsleben so begleitet wie dieser. Wenn ich einen Abend im Kino oder Theater verbracht habe und darüber nachdachte, warum fand ich es furchtbar oder warum bin ich, obwohl es doch eigentlich nichts auszusetzen gab, nicht begeistert, komme ich immer wieder zu dem Schluss: weil es mich nicht überrascht hat. Und umgekehrt, selbst wenn der Abend insgesamt nicht so doll war - wenn es eine Iberraschung gab, nehme ich zumindest eine bleibende Erinnerung mit.
Natürlich ist das Überraschungsmoment im Improvisationstheater allein schon durch sein Selbstverständnis deutlich vitaler als in anderen Theaterformen - man weiß nie, was kommt, aber stimmt das wirklich? Denn natürlich kann auch in unserer geliebten Impro das Erwartbare Einzug halten. Dass auf dem Impro-Arbeitsamt Willkür herrscht oder ein Pfarrer Knaben liebt oder der Russe Wodka trinkt, nuja, das kommt mir bekannt vor, auch wenn ich die Dialoge noch nicht kenne, weiß ich, wie der Hase läuft, ob mitspielend oder zuschauend. Und jetzt aber wird’s knifflig: Wo und wann negieren wir das von Johnstone so treffend „das Offensichtliche“ Genannte und wo werden wir „originell“? Puh, schwer zu sagen. Da gibt's, glaub ich, keine Regel dafür, das muss der Moment entscheiden, der Zauber der Bühne, die Intuition des Akteurs. Folge also Deinem Impuls, aber wenn der unsicher ist - mach das, was Du sonst nicht machst, spiele in der U-Bahn keinen Kontrolleur und keinen Obdachlosen, sei eine attraktive, nette Schwiegermutter. Überrasche sie alle: das Publikum, die Mitspieler*innen und Dich selbst.

Christoph unterrichtet während der Sommerakademie auf Schloss Trebnitz und sucht in seiner Domino-Klasse mit euch nach überraschenden Figuren und Charakter-Monologen.
(31.8. bis 3.9.2017)

 

APRIL

Raum

geschrieben von Norbert Riechmann

Dieses Wort fällt beim Improvisieren immer wieder. Oft ist gemeint: der Raum, in dem wir - angenommen - spielen, uns bewegen, den wir erst einmal etablieren müssen. Das ist der eine Raum. Dann gibt es den Raum, den wir uns nehmen, den wir beanspruchen, den wir unserem Partner geben. Und den Raum, den wir bestimmten Dingen oder Gedanken geben, man könnte auch sagen, in diesem Fall steht »Raum« für »Zeit«. Wenn wir jetzt den »Musikraum« betreten - da gibt es auch »Räume«. Musikwissenschaftler sprechen vom „diastematischen Raum“; gemeint ist der Raum zwischen tiefster und höchster Note in einer Melodie. Ist dieser Raum groß, kann die Melodie große Bewegungen machen, oft ist sie dann besonders schwer zu singen. Oder ist der Raum klein, kann es schnell monoton werden.
Was hat denn das jetzt alles mit Impro zu tun, mit meiner Spontaneität?
Wenn wir bei Musik innerhalb der Improvisation nicht nur an »Singen« denken, dann kann dieser Begriff »Raum«, der ja in vielen Bereichen eine Art Platzhalterfunktion hat, uns helfen, anders, reicher, besser zu improvisieren, indem wir »Räume« entdecken, »Raum« geben, »Raum« einnehmen. Lernen, wahrnehmen, was neben dem konkreten Reden und Bewegen in einer Szene oder einen Format noch an Räumen da ist, sich auftut, uns entlastet, bereichert, im Idealfall vielleicht beglückt. Wenn wir darauf achten, stellen wir vielleicht fest, dass wir manchmal eben gar nicht reden müssen, weil die Musik unsere Emotionen viel besser transportieren kann als Worte. In Romantic Comedies kann man immer wieder sehen, wie das wirkt. Oder wir lassen uns von der Musik einen »Subtext« unterlegen, dann könnte z.B. eine ganz belanglose, fröhliche Szene etwas Bedrohliches oder Gruseliges bekommen… Wer kennt nicht den »Weißen Hai«. Oder wir lassen uns von der Musik ganz abstrakt »treiben«, arbeiten mit dem Temperament oder der Bewegung, die uns die Musik anbietet.
Es gibt natürlich noch viel mehr Möglichkeiten, mit dem Begriff Raum umzugehen, siehe oben.
Wenn wir uns trauen, diese Räume zu entdecken und zu erforschen, wird unser Spiel reicher, vielschichtiger, interessanter. Und wir haben letztlich mehr Spaß. Das ist doch ein sehr schönes Ziel, oder?


Norbert unterrichtet den Fortgeschrittenen-Dienstagabend-Kurs vom 23.5. bis 18.7. zum Thema »Musik«. Es geht dabei ums Singen, Hören, um Musik als dramaturgisches Element, zur Charakterunterstützung – na klar und um Raum. Anmeldung hier.

MÄRZ

Die Sandwich Theorie

geschrieben von Jacob Banigan

Lass uns eine Improshow mal als ein Sandwich betrachten. Stell dir irgendein Sandwich vor, dass du magst. Aufgeschichtetes Essen befindet sich zwischen zwei Brotscheiben auf einem Teller, der vor Dir steht. OK? Das ist die Show. Du hast einen Teil deines Lebens, deiner Zeit und deines Geldes für einen Plan aufgewendet, um dieses Erlebnis zu haben. Doch bevor Du es aufisst, lass uns kurz betrachten, woraus es besteht.

Die Schichten eines Impro-Show-Sandwichs:

Das Format der Show ist das Brot. Es definiert Form und Struktur und hält alles zusammen. Unterstützt den Inhalt. Es ist die zuverlässige und trockene Schicht, die es uns erlaubt, den eigentlichen Inhalt zu genießen, ohne uns damit einzusauen. Es ist das, wodurch wir schon von fern das Sandwich/die Show erkennen. Wir sehen es oder hören davon und sagen: »das kann ich erfassen«. Es ist das Versprechen: »dies zu konsumieren, wird befriedigend sein«.

Die Fiktion ist das Fleisch beziehungsweise Protein.
Die gemeinsame Phantasie von allen im Raum, der Traum, in den wir uns alle einkaufen. Der Inhalt. Die szenischen Situationen, die Charaktere und ihre Welt. Es ist der Nährstoff, deshalb verzehren wir es. Der eigentliche, befriedigende Grund des Erlebnisses. Die Substanz. In der Regel ist es das, wonach wir bei einem Sandwich als erstes fragen: »Was ist da drin?« Aber, nun ja, wir wissen das erst, wenn wir dieses gemeinsame Erlebnis gehabt haben. Wir hoffen zwar, dass uns die Füllung füllt. Aber es ist ein Mystery-Sandwich, solange wir uns noch nicht entschieden haben, was wir in die Mitte tun.

Die Geschichte ist der Ballaststoff: Salat, Sprossen etc.
Das Fasermaterial, das uns dabei hilft, die Nährstoffe zu verdauen.
Die Geschichte legt sich über die Phantasie und erlaubt uns, Ursache und Wirkung zu verfolgen und so etwas vom eigentlichen Inhalt zu haben. Wir brauchen Geschichten, um das aufzubereiten, was in unserem gemeinsamen Traum geschieht.
Ohne diese Fasern würden wir das Produkt konsumieren, ohne etwas von seinen gesunden Vorzügen zu haben.

Die Spiele sind die Extra-Zutaten: Tomaten, Zwiebeln etc.
Die Herausforderungen eines objektiven Regelspiels. Die Vereinbarungen, die aus einem subjektiven »Spiel in der Szene« entstehen. Oder die Muster, die wir entdecken und dann weiterführen.
Alle haben eindeutige Strukturen, die für zusätzliche, überraschende Geschmackserlebnisse sorgen, wenn wir sie bemerken.

Und obwohl jede Schicht auf seine eigene Art schmackhaft ist, kann man sie doch nicht voneinander trennen und jede einzeln konsumieren, wie irgend ein Spinner. In Wahrheit müssen sie bei jedem Bissen zusammen erlebt werden... So macht man das. Von Augenblick zu Augenblick, Biss um Biss.

Diese Metapher kann noch ausgeweitet werden, um mehrere Aspekte einzubeziehen...

Das Theater ist der Tisch. Die Bühne ist der Teller. Wir möchten, dass diese sauber und präsentabel sind, wenn das Essen serviert wird. Die Sauerei, die wir danach hinterlassen, dient dagegen als Erinnerung an die wunderbaren Dinge, die da drin waren.

Das Bühnenlicht ist die Soße. Wärmender Senf, kühlender Ketchup.

Musik ist der Speck. Einfach gut.

Manchmal mögen wir billigen Käse. Wir wissen zwar, dass der nicht sonderlich gesund ist, aber was soll's, man lebt nur einmal.

Gepfeffert mit Witzen. Gesalzen mit Tränen.

Eine kleine Bestechung durch Schmalz wird manchmal gern genommen.

Ein Glas Wein an der Seite wird immer gern genommen.

Und jedes Sandwich, jedes Showerlebnis wird erweitert durch den Kontext seiner Konsumierung. Mit wem war ich da? Wo waren wir? Was ist da gerade in meiner Nachbarschaft, meiner Stadt, der Welt geschehen? Welche Umstände haben mich da hin gebracht? Dieses Sandwich hat mein Leben verändert... Ich habe das echt gebraucht.
Und du kannst dieses Erlebnis gar nicht angemessen erklären. Hast Du je versucht, ein Sandwich zu beschreiben und das Gefühl gehabt, der Zuhörer konnte wirklich verstehen, was es für dich bedeutet hat? Man muss einfach da gewesen sein.

Wir müssen sicher stellen, daß wir frische Waren servieren, keine Fertigprodukte. Wir sollten stolz auf jede Zutat sein, und hoffentlich kennen wir auch die Herkunft von jeder. Die Leute sollten den Tisch befriedigt verlassen, nach diesem speziellen Sandwich, und vielleicht überlegen sie sich neue Rezeptideen für das nächste Mal.

Jacob Banigan gehört zur Creme de la Creme des internationalen Improtheaters. Er spielt seit 27 Jahren Impro und hat maßgeblichen Anteil an der Weiterentwicklung dieser Kunstform.  Er war künstlerischer Leiter des kanadischen Rapid Fire Theatre, ist seit geraumer Zeit Ensemblemitglied vom Theater am Bahnhof in Graz, der  English Lovers in Wien und Teil der  Rocket Sugar Factory. Mit letzterer ist er am 25. Mai im Ratibor zu sehen. Und er gibt rund um Himmelfahrt den wunderbaren Workshop „Ignore me!“ (25.5.-28.5.2017)

FEBRUAR

Ins Detail gehen

geschrieben von Michael Wolf

Geh auf die Bühne, mache dir dein Frühstück, öffne den Brotkasten, entnehme ihm den Brotlaib, finde es nicht geschnitten vor, schneide es dir selbst.

Rede mit deinem Sohn über seine Ausbildung.
 
Du beschmierst dein Brot, die Butter steht nicht griffbereit, nimm sie aus dem Butterfach im Kühlschrank, sie ist noch etwas hart, aber du schaffst es. Du verteilst die Butter gleichmäßig auf deinem Brot, du bist vorsichtig, da das Brot durch die harte Butter reißt.
 
Du erklärst deinem Sohn, dass Lehrjahre oft harte Jahre sind und die fetten Jahre erst noch kommen.
 
Öffne den Kühlschrank erneut, nimm dir ein Glas Marmelade, schließe den Kühlschrank, öffne das Glas mit einem Kraftakt, entferne etwas Schimmel von der Marmelade, erkenne, dass du nicht dein Buttermesser ins Marmeladeglas stecken darfst, nimm dir einen Plastiklöffel aus der Schublade. Mit diesem machst du dir Marmelade aufs Brot, nicht aber ohne zuvor die Besteckschublade zu schließen.
 
Du vermittelst deinem Sohn, dass das süße Leben auch für ihn beginnen wird.
 
Warum schreibe ich das? Um dir zu zeigen, dass du auf die Bühne gehen und handeln musst. Mache es dir nie bequem, gehe ins Detail.
Dann rede nie über das, was du gerade tust!
Aber du bekommst durch das Handeln Inspiration, Zeit und eine Metaebene.
 
Es ist so einfach:  Handele detailverliebt und du wirst mit Inspiration beschenkt.


Michael unterrichtet das Schnupper-Wochenende am 4.+5.3. sowie die Abendklasse Dienstags für Fortgeschrittene ohne Musik vom 14.3. bis 9.5.
JANUAR

Anfänge

geschrieben von Robert Munzinger

Eigentlich ist es vollkommen egal, womit du eine improvisierte Szene beginnst. Buchstäblich a l l e s ist richtig. Laut um Hilfe zu schreien, ins Publikum zu rennen, die Königin der Nacht zu schmettern, Gurken zu schneiden, zu strippen, zu schippen, zu wippen, zu schälen, zu quälen, zu geigen, zu schweigen..., egal! Alles ist richtig. Sobald irgendetwas da ist oder n i c h t da ist, kannst du anfangen zu ergänzen, zu kopieren, weiterzuentwickeln, etwas völlig neues zu etablieren oder was auch immer man für die geeignete Antwort auf die Frage des Anfangs hält, um es mal so zu formulieren.

Die Haltung, die du dabei hast, wenn du anfängst, ist entscheidend. Man kann einen Anfang klar und entschieden hinstellen, 100-%ig dahinterstehen, das erleichtert das Anknüpfen natürlich ungemein. Weniger günstig ist es, dem Mitspieler (und auch sich selbst und dem Publikum) ein unsicheres, verwischtes Angebot zu machen, rumzueiern, und seine eigenen Zweifel zu zeigen.

Wenn du also mit dem Improvisieren anfängst, ist einer der ersten Schritte, dieses Prinzip zu verinnerlichen, dass wirklich alles richtig ist, um eine Szene zu beginnen. Das liegt an einem anderen Prinzip namens "Sag ja! " Weißt du, dass der Spielpartner tatsächlich A L L E S akzeptieren, zu allem ja sagen wird, was du am Anfang anbietest, ist der Bann der Unsicherheit und des Zweifels schon fast gebrochen. Das Wissen um diese beiden prinzipiellen Verabredungen (alles ist richtig und sag ja!) soll es dir ermöglichen, selbstbewusst und vertrauensvoll deinem ersten Impuls zu folgen.

Und trotzdem: obwohl es ja eigentlich egal ist, womit man anfängt, rate ich meinen Schülern mit dem Etablieren des Raums anzufangen. Zum Beispiel mit einer Handlung. Oder einer innere Haltung zu diesem Raum und/oder dieser Handlung zu finden. Entscheidest du dich, W O du die Szene ansiedelst, und W I E du dich fühlst, öffnet es die Phantasie für die Figuren, die dort auftauchen könnten. Natürlich ist diese Art des Anfangens keine unumstößliche Regel (einzige Improregel: no rules), aber es ist nie verkehrt, so zu beginnen, und für den Fall, dass man wirklich mal uninspiriert ist, gilt: erst mal handeln, erst mal nen Raum etablieren, erst mal ne innere Haltung finden, dann kommt die Inspiration schon von selber!

So, und jetzt fang ich mal langsam an aufzuhören...

Robert fängt aber gleich im Januar wieder an und unterrichtet die Games-Games-Games-Klasse. Und ab März an drei Wochenenden „Das Format“. Alles Impro4ever.
Allen ein gutes neues Jahr!!!

2016

DEZEMBER

Jahresende : Schluss aus Ende - Das wars!

geschrieben von Regina Fabian

Ein Titel mit Versprechen: etwas wird nicht mehr weitergeführt; etwas hört auf. Dieser Text hört nach 365 Wörtern auf.

Improenden erscheinen schnell, überraschen gerne mit einer Wendung.
Das Ende beim Impro scheint leicht zu sein, weil sofort eine neue Szene beginnt und eine neue Geschichte sich auf den Weg macht.
Das Leichte gibt beim Impro den Schwung, den Mut was auszuprobieren, was man nicht ewig weiterführen muss. Die Leichtigkeit berührt manchmal auch die Beliebigkeit, nach dem Motto: was soll's, es ist sowieso gleich wieder zu Ende und dann kommt was anderes. Der Schluss ist dann erleichternd.
Wir haben unterschiedliche Szenenenden ausprobiert: fließende Übergänge mit körperlichen Veränderungen, die dann einen Neuanfang markieren, ein kaum merkliches Aufhören. Das manchmal auch den Mitspieler so überrascht, dass dieser sich noch in der vorherigen Szene befindet. Oder auch das Ende durch den Musiker, den Lichttechniker; Erinnerungen an unsere Impros nach Fassbinder werden wach...
Das passende Ende einer Szene gemeinsam finden, wenn das gelingt, fühlt es sich gut an. Keiner sagt noch ein Wort, das nicht hätte fallen müssen, weil alle spüren, diese Geschichte ist zu Ende erzählt, jeder weitere Satz ist einer zuviel.
Zu Beginn unserer Improzeit - damals im letzten Jahrtausend - haben wir oft ein klares Szenenende gesetzt : "und Black". Ein unmissverständlicher Schluss, um zu verhindern, dass das Ende sich verschleppt, der Moment verpasst wird, wo die Geschichte erzählt ist, alle Fäden zusammengeführt wurden. Denn danach entstehen neue Enden, die aber wieder kleine Neuanfänge in sich bergen. Andere Enden fühlen sich nicht gut an, weil alle wissen, da hätte noch was weiter erzählt werden müssen, da fehlt noch was.
Den Mut zum Ende finden. Tatsächlich etwas aufhören, wenn es nichts mehr zu improvisieren gibt. Wenn alles gesagt ist, dann nimmt jedes weitere Wort dem Gesagten die Wirkung.
 
"Und alles hört auf und kein Sturm kommt mehr auf...", sang Rio Reiser im Junimond.
 
Kann etwas absolut aufhören, nicht mehr weitergeführt werden? Erscheinen nicht Ideen, Figuren, Stimmungen aus einer gerade beendeten Szene im Verlauf des Abends wieder, irgendwo...
 
Wann ist etwas wirklich zu Ende?
 
Was bleibt?
 
Bereit zum Abschied sein und zum Neubeginne (Spuren, H. Hesse).
 
In Gedanken an Saskia ...
 
Regina bietet bei der Winter-Open Stage am 11.12. Punsch feil und trinkt ihn ganz alleine aus, wenn er nicht alle wird. Helft ihr! Außerdem unterrichtet sie die Anfänger-Morgenklasse ab 9.1. und ist u.a. bei der Sommer-Akademie auf Schloss Trebnitz im August dabei. Aber das ist ja erst im nächsten Jahr. Bis dahin allen Frohe Weihnachten und wunderschöne Tage zwischen den Jahren. Eure Gorillas
NOVEMBER

Impro und Wissenschaft

geschrieben von Dominik Klarhölter,
der zusammen mit Lisa Rasehorn die psychischen Effekte vom Impro an der Uni Leipzig/TU Dresden erforscht

»Werden wir schlauer, schöner, glücklicher durch Impro?« Ja, definitiv! möchte jemand meinen, der/die selbst Impro spielt. Aber ist da wirklich was dran,  also mal so aus Sicht der Wissenschaft gefragt? Klassische Musik soll ja auch schon Kinder schlauer, Regen schöner und Geld glücklicher machen. Wieso Impro dann nicht auch irgendwie was von alledem? Schließlich scheint ja jede Impro-Show wie ein famoses Gehirnjogging, eine rasante Achterbahnfahrt der Emotionen zu sein und es mutet wie eine unversiegbare Quelle von Kreativität und Frohsinn an.
Damit das Ganze nicht nur im Bereich des gefühlten Wissens bleibt, hatten wir uns vor einem guten Jahr entschlossen, Impro aus wissenschaftlich-psychologischer Sicht zu untersuchen. Viel wurde dazu noch nicht geforscht oder eben veröffentlicht. Das spornte uns weiter an, da wir im eigenen Improspielen so viele Facetten sahen – wie die ganze Rubrik Fokus des Monats eindrücklich zeigt -, die aus psychologischer Sicht sehr wertvoll zu untersuchen sind. Wir fragten uns schließlich, ob Improspielen achtsamer, stresswiderstandsfähiger, selbstwirksamer und selbstsicherer macht (die meisten Auswertungen dazu sind noch im Gange). Alles Grundlagen, die für eine erhöhte Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit sorgen.
Bevor wir unsere Forschungsfragen in wenigen Wochen beantworten können, an dieser Stelle der Versuch auf die Eingangsfragen einzugehen: Macht Impro also schlauer? Das müssten andere Studien klären, denn dazu wären gewiss reihenweise Intelligenztests nötig. Eine andere Frage in dieser Hinsicht wäre: Suchen sich vielleicht schlaue Leute Impro als Spielwiese aus, da sie dort vielfältig gefordert sind? Aber schöner, macht Impro schöner? Ja, also über den Umweg von Lachfalten sowie den dazugehörigen positiven Emotionen sicherlich. Bemerkenswert und nun wissenschaftlich fundiert wirkt Impro auch darüber, dass Improspielende nach einem mehrwöchigen Improkurs eine erhöhte Selbstwirksamkeitserwartung zeigten - eine grundlegende, erlernte Eigenschaft überzeugt zu sein, das eigene Leben selbst in die Hand nehmen und auch schwierige zukünftige Situationen meistern zu können. So ist es denkbar, dass selbstwirksamere Menschen auch eher mal sagen: Ich hör jetzt auf meine Segelohren blöd zu finden, ich mag die ab heute. Punkt. Ganz im Sinne von: Ich verordne mir jetzt mal Akzeptanz und Selbstliebe. Klingt merkwürdig, klappt aber bei Menschen mit hoher Selbstwirksamkeitserwartung wahrscheinlicher. Denn sie erwarten eben, dass sie selbst wirksam sein können. So können sie erfolgreicher bewältigen, was auch immer da zukünftig kommen mag und was sie sich so vornehmen (beispielsweise auch: mit dem Rauchen aufzuhören, 10-Finger-Tippen oder eine weitere Zeitform in einer Fremdsprache zu erlernen ...). Und so ganz nebenbei macht diese erhöhte Selbstwirksamkeitserwartung auch noch weniger anfällig für Ängste, Depressionen und erhöhtes Stresserleben. Kurz: In diesem Sinne macht Improspielen tatsächlich psychisch gesünder, zufriedener und sogar auch glücklicher, da unglückliche Menschen eher davon überzeugt sind, dass sie nichts oder nur wenig an ihrem Leben ändern können.
Wohingegen die moderne Wissenschaft bestätigt, dass klassische Musik (leider) nicht schlauer, Regen (leider) nicht nachweislich schöner und viel Geld (glücklicherweise) nicht wirklich glücklich macht, so ist am Improtheaterspielen was dran. Und wir vermuten noch mehr, als wir und andere bisher herausfinden konnten, da auch unsere Untersuchungsmöglichkeiten und -methoden begrenzt waren.
Die Forschung an und mit Impro geht also weiter und bis dahin heißt es: mal wieder selbst auf die Bühne, nicht wissen was gleich passiert, ja denken und handeln, vertrauensvoll Impulsen folgen, präsent sein und dann doch mal wieder heiter scheitern, damit wir alle noch schlauer, schöner und glücklicher werden - oder genießen, es einfach zu bleiben.

Dominik Klarhölter und Lisa Rasehorn und sind improbegeisterte Psychologiestudierende in Leipzig und widmen ihre Masterarbeiten den gesundheitsförderlichen psychischen Effekten vom Improtheater. Einige unserer Schüler der Gorilla-Improschule  haben an der Forschung der beiden teilgenommen.  Unter ihnen werden am 11.12.2016 auf der Winter-Open-Stage drei Gutscheine über je 50€ für die Improschule verlost. Und Dominik wird auch da sein und uns weitere Einblicke in seine Forschungsergebnisse geben. Für alle, die es verpasst haben aber interessiert sind, her geht’s zum Test: Impro-Studie
Auf dass Ihr noch schöner werdet und die Selbstwirksamkeit weiter steigt!

OKTOBER

Über Reife

geschrieben von Thomas

„Und kam die goldene Herbsteszeit,
und die Birnen leuchteten weit und breit...“

Ja, nicht nur die Kinder aus dem berühmten Gedicht vom Herrn Ribbeck auf Ribbeck freuen sich über die reifen Birnen. Es geht doch wirklich nichts über eine vollreife Birne, Pflaume oder einen saftig roten Apfel direkt vom Baum gepflückt. Das ist die geschmackliche Perfektion. Was es dafür brauchte? Genug Sonne, genug Regen, guten Boden, keine Schädlinge und einfach genug Zeit zum Reifen. Alles Dinge, auf die wir Menschen nur sehr bedingt Einfluß nehmen können. Sicher, mit Hochleistungszüchtungen und Agrarchemie hat  der Obstbauer eine gewisse Sicherheit für seine Ernte, aber erstens gibt es trotzdem bessere und schlechtere Jahre und zweitens schmeckt das Supermarktobst einfach nicht so gut wie ein reifer Apfel aus einem alten Obstgarten. Meist wird es ja auch nicht vollreif geerntet, um besser lagerfähig zu sein.
So, und was hat das jetzt alles mit Impro zu tun?
Am Anfang lernt der Improspieler, spontan zu sein, auf seine Impulse zu hören und ihnen zu folgen. Das ist toll und macht Spaß und es herrscht bald eine hohe Energie und Geschwindigkeit auf der Bühne. Der schnelle Lacher wird gesucht und bedient und am Ende fanden alle, dass es „total geil“ war.
Inhaltlich dagegen sind solche Shows leider oft dürftig. Sie kommen mir eher vor wie der gezüchtete Hochleistungsapfel: sieht toll aus, schmeckt aber immer gleich und genormt und nicht so wirklich lecker.
Wenn man beim Improvisieren Geschichten erfinden will, an die sich die Zuschauer (und Spieler) auch Tage später noch erinnern, dann braucht es Zeit. Vor allem braucht der Improspieler Zeit, um sich zu entwickeln. Fast jeder macht die Erfahrung, dass es nach dem ersten Rausch des Anfangs irgendwann mühselig wird. Erst heißt es einfach nur „Sag JA“, und plötzlich kommen dann doch alle möglichen „Regeln“ ins Spiel: Wie funktioniert eine Geschichte? Wo ist der Wendepunkt für eine Figur? Wie schaffe ich es überhaupt, eine Figur zu finden und nicht immer nur ich selbst zu sein? Ach ja, handeln statt nur reden, und den Raum nicht vergessen, in dem man spielt, und an Status denken, und und und...
Da hilft dann nur Gelassenheit. Nicht alles sofort und gleichzeitig machen wollen, legt mal eine Weile den Fokus auf das eine Thema, mal auf ein anderes und freut euch über jeden kleinen Fortschritt, jede Szene, die euch besser gelungen ist, die reifer war. Auch der junge Apfelbaum kann nicht sofort prachtvolle Äpfel wachsen lassen, selbst wenn er ständig bewässert, besonnt und gedüngt würde. Erst nach etlichen Jahren ist er groß und stark genug. Wir Gorillas improvisieren nun schon seit fast zwanzig Jahren und auch wir haben noch immer was zu lernen.
Was in Bezug auf „Reife“ für den Improspieler gilt, gilt im Übrigen auch für die Szene, die Geschichte. Eine gute Geschichte ist wie ein vollreifer Apfel. So wie dieser die richtige Mischung aus Süße und Säure hat, braucht die Geschichte die richtige Mischung aus interessanten Charakteren, heiteren und ernsten Momenten. Und die kann man auch nicht gentechnisch standardisiert in immer gleicher Qualität bringen und erzwingen. Es geht vielmehr darum, die Geschichte sich entwickeln zu lassen, sie quasi zu begleiten, mit all dem Improvermögen, das wir halt gerade haben (siehe dazu auch den Fokus Juli über „Führung“). Und dann ein gutes Ende zu finden (den reifen Apfel zu pflücken), was für viele Spieler sehr schwierig ist. Aber keine Sorge, auch das Gefühl für das richtige Ende kann reifen...
In diesem Sinne: bleibt dran (an unseren Kursen), nehmt euch, was ihr zum Reifen braucht, bleibt gelassen (mit euch und euren Mitspielern), plückt euch einen reifen Apfel oder eine Birne und genießt die goldene Herbsteszeit.
(übrigens: auf www.mundraub.org sind Obstbäume verzeichnet, die öffentlich „pflückbar“ sind)

 

Thomas Chemnitz unterrichtet die Morgenklasse für Anfänger zusammen mit Leon vom 31.10. bis 19.12.

SEPTEMBER

Gibt es ein Leben nach dem Urlaub?

geschrieben von Barbara

Sommerzeit, für viele Reisezeit. Es tut gut und macht Spaß, sich auf Fremdes einzulassen und dem Unbekannten zu begegnen. Wir sind in der entsprechend offenen Stimmung, bereit, uns einzulassen auf ein gewisses Maß an Abenteuer. Und nun? Nach dem Urlaub, wieder rein in den Trott? Sich von schlecht gelaunten Kollegen die Laune verderben lassen? Verfliegt die eigene gute Stimmung so schnell wie die Sommerbräune? Kann man diese Stimmung länger haltbar machen? Sich mit Fremdem, Unbekanntem auseinanderzusetzen, ist ja ein Thema, das im Leben ständig an uns herangetragen wird. Klar, im Urlaub macht man das freiwillig und ist somit aufnahmebereiter für diese Herausforderung. Wir sind ja nur kurz da, müssen uns nicht wirklich und nicht dauerhaft einlassen und verändern. Aber sonst…?
In unseren Kursen bringen wir euch bei, „Ja“ zu sagen, zu dem, was euch auf der Improbühne angeboten wird. Das ist auch manchmal fremd, unbekannt, unbequem…
Führt man den Improgedanken weiter, so schleicht er sich auch ins Leben und auch da kann man üben, sich unvoreingenommen einem Thema, einer Situation, einem Menschen zu nähern. Ablehnung ist nicht im Sinne des Improgedankens, und Widerstand ist eine „Ablehnung einer Veränderung aufgrund befürchteter Nebeneffekte“, definiert Berekat Karavul in seinem "Handbuch Projektmanagement". Interessant wird es, wenn wir uns mit diesen "befürchteten Nebeneffekten“ befassen. Es ist spannend, was man da ans Licht befördert, wenn man sich einmal in einer stillen Stunde die Zeit nimmt, darüber nachzudenken und konkret zu formulieren, was man denn befürchtet.
Was kann ich also tun, damit die Situation sich verändert, wenn sie mir, so wie sie ist, nicht gefällt? Mach ein anderes Angebot, wie beim „Au ja-Spiel“. "Be the change you want to see in the world“, sagte Mahatma Gandhi. Das dient allzu gut für einen schönen Kalenderspruch. Wenn man das allerdings ernst nimmt und tut, dann bewegen sich die Dinge um einen herum.
Im Grunde genommen ist es das, was wir in den Kursen immer wieder auf verschiedenen Ebenen lehren und lernen. Und verändern können wir ja sowieso immer nur uns selber, und nicht die Umstände oder den Anderen.
Aber jetzt kommt erst mal wieder zu Hause an nach den Ferien, gießt euch ein Glas des mitgebrachten Weines ein, legt die Beine hoch, schwelgt in schönen Erinnerungen…
Und dann holt euch eure Lust auf das Unbekannte zurück! Vielleicht in unseren Kursen.

Barbara Klehr ist ausgebildete Schauspielerin und Jazzsängerin. In ihrer Arbeit als Therapeutin setzt sie die Mittel des Improtheaters ein. Barbara leitet das Schnupperwochenende am 24.+25.9., unterrichtet die Abendklasse für Anfänger vom 1.11. bis 20.12. und Impro4ever "Der Harold" mit Leon und Norbert vom 5.9. bis 19.12.

AUGUST

Impro und Buddhismus

geschrieben von Konstanze

Ich beschäftige mich seit geraumer Weile mit dem Buddhismus und seinen kontemplativen Praktiken. Nicht mit einem religiösen Ziel, um in einem Nirwana zu landen, oder so was, vielleicht ein klein wenig, um ein besserer Mensch zu werden, aber hauptsächlich weil es bei so fast ziemlich allem hilft. Modern heißt das heute Achtsamkeitstraining.
Der Buddhist möchte sein „Leiden“ verringern durch Bewusstheit. Im Meditieren, was zum Ziel hat, das Bewusstsein zu schulen, übt man anzunehmen was da ist, aber nicht daran kleben zu bleiben. Leiden, so heißt es, liegt im Widerstand oder den so genannten Anhaftungen. Meditation übt loslassen, sein lassen. Ge-lassen-heit eben.
Das bedeutet nicht, dass man nicht mal durchaus traurig, wütend oder nervös sein kann, aber man lernt dieses Gefühl sein zu lassen, es nicht weghaben zu wollen aber eben auch, sich nicht damit zu identifizieren, sich hineinzustürzen und es dadurch unnötig zu verlängern: Man lernt sich quasi bewusst kennen - sehr spannend übrigens: sich mal liebevoll zu betrachten während man z.B. gerade ein heulendes Elend hat, ohne es zu vermaledeien, zu bewerten, weghaben zu wollen... das kann zwar durchaus ein unangenehmer aber auch recht unterhaltsamer Moment sein...meist bleibt das Elend interessanter Weise dann gar nicht sehr lang. Ich bin nicht das, was ich fühle, ich bin die, die wahrnimmt, was da fühlt...oder so ähnlich...
Kontemplative Praktiken sind übrigens unheimlich spannend untersucht worden durch den Neuropsychologen Dr. Rick Hanson in dem Buch „Das Gehirn eines Buddha“. In dem Buch (eine sehr empfehlenswerte Lektüre) setzt er neueste neurowissenschaftliche Erkenntnisse in Bezug zum Konzept des Buddhismus. Man trainiert durch Meditation sein Gehirn, so die Grundaussage.

Und was hat das alles mit Impro zu tun?

Impro ist, meines Erachtens nach ebenso ein Training fürs Gehirn, für Bewusstheit, mit vielen Parallelen zu den Grundaxiomen des Buddhismus und seinen Praktiken; spielerisch und lustvoll:
Im Moment sein, ja sagen, zuhören, nicht grübeln, nicht ablehnen, nicht bewerten, in Kontakt sein mit sich, mit dem Gegenüber, mitfühlen mit seiner Figur, nicht wissen, was als nächstes sein wird, sich nicht identifizieren, also sich nicht so in eine Fantasie zu verbeißen, dass man das nächste Angebot verpasst, sich nicht so in ein Gefühl stürzen, dass der präfrontale Kortex (der „bewusste Entscheider“) außer Gefecht gesetzt wird, sonst gäbe es nämlich ständig Unfälle auf der Bühne, sich nicht allzu lange damit aufhalten, eine Idee/Impuls zu bewerten, denn sonst ist der Moment verpasst sie auszuagieren. Ich bin nicht die Figur, ich führe sie. Ich entscheide bewusst die nächste Handlung, meinen nächsten Zug für die Geschichte...
Bewusstheit wird verdammt gut geschult durch die ständige geteilte Aufmerksamkeit. Um überhaupt all die tausend Dinge mitzubekommen, die da auf der Bühne passieren, MUSS ich wach sein. Mein Mitspieler - was hat der alles angeboten? Wie ist der Raum? Welchen Status hab ich? Ist meine Figur jetzt sauer oder froh? Stehe ich auch nicht mit dem Rücken zum Publikum? Spreche ich laut genug? Was braucht die Geschichte jetzt? Hatte ich nicht grade einen Impuls? ... und so weiter und so fort.
Nichts anderes tut man beim Meditieren. Man tut es nur innen, in sich:
Man verankert sich beim Atmen, versucht immer wieder dorthin seine Aufmerksamkeit zu lenken und nimmt wahr: aha Geräusch, aha Gedanke, aha es juckt mich am großen Zeh, aha es plant grade das Abendbrot, aha „Ich war gestern ein Arsch“- Gedanke, aha es riecht nach... keine Ahnung was... bewusst lasse ich es weiterziehen, was da so auftaucht an Wahrnehmungen, lasse es los, den Abendbrotplan, den „Ich war ein Arsch“-Gedanken, kehre zurück in den Moment, zu meinem Atem, bleibe im Fluss.

Also Leute, es ist Sommer! School's out! Auch wenn ihr  gerade keinen Improkurs belegt, könnt ihr euer Gehirn täglich weitertrainieren.
Einfach versuchen, mal mitzubekommen, was gerade ist. Wo Du gerade bist. Einmal am Tag, irgendwo. Vielleicht sogar kurz mal Augen zu, sitzen und lauschen, was so kommt:

Was denkt es gerade in mir?
Was fühlt es gerade in mir?
Wärme, Druck, wie ist mein Kiefer?
Was höre ich?
Zwickt da meine Leber?
Kann ich mal meinen Atem spüren, ohne ihn zu verändern?
Drifte ich gerade in meine Gedanken ab?
Ich lenke immer wieder sanft meine Aufmerksamkeit auf den Atem und hole mich so immer wieder in den Moment zurück. In die Bewusstheit.

Viel Spaß beim völlig bewusst geschlotzten Eis.
Beim großen Zeh-Wackeln im Zug oder Sand.
Beim Einatmen, beim Ausatmen.
Die Hauptsache sind die Löcher an einem Sieb.

ATEMPAUSE

Konstanze Kromer ist leidenschaftliche Impro-Schauspielerin, spielt am Atze-Musiktheater, ist Sängerin und spricht Hörbücher ein. Vom 6.9. bis 25.10. unterrichtet sie zusammen mit Lutz Albrecht die Abendklasse Anfänger.

JULI

Führung

geschrieben von Thomas

Ein schönes Impro-Mantra lautet: „Follow the follower“. Dazu gibt es auch eine Übung, die ich gern in Workshops mache: Alle gehen im Raum herum, achten genau auf die anderen und kopieren irgend etwas, das sie gerade bei jemand anderem entdecken (dessen kleine unbemerkte Bewegung oder dessen Art zu gehen). Nach einer Weile wieder „neutral“ werden und etwas anderes kopieren. Auf keine Fall eine eigene Bewegung ausdenken – einfach nur das Eigene aus dem anderen nehmen. Nach kurzer Zeit entstehen bei dieser Übung ganz viele Bewegungen, Gangarten usw. Obwohl doch keiner ein bewusstes Angebot gemacht hat, sondern jeder nur gefolgt ist!
Die Übung zeigt: Wenn man sich einfach nur auf seinen Partner und auf den Moment konzentriert, dann kommen die Impulse ganz von alleine, dann werden alle von allen geführt.

Spielt ein Schauspieler einen Charakter und taucht in diesen ein, macht er oft die Erfahrung, dass der Charakter ihm irgendwann „sagt“, wie er agieren/reagieren soll, es ist dann der Charakter, der den Schauspieler führt.

Ist man wach für eine Geschichte, hat alles genau mitbekommen, was bisher geschah und ist ganz im jetzigen Moment, dann weiß man oft intuitiv, welches Angebot man für den Fortgang der Geschichte machen muss. Es ist dann die Geschichte, die den Autoren führt.

Wir sagen als Lehrer manchmal:
„Gib der Geschichte, was die Geschichte gerade braucht.“
„Gib der (Haupt-)Figur das, was sie gerade braucht.“
„Alles was gerade passiert, sollte gerade passieren.“

Und in der Tat ist es für mich eines der beglückendsten Gefühle beim Impro, wenn manchmal etwas auf der Bühne geschieht, das für alle überraschend ist, von dem keiner der Spieler hinterher weiß, wo das genau herkam (auch derjenige, der das Angebot gemacht hat), aber von dem alle wussten: das war jetzt genau richtig.
Wovon wurde man da geführt? Von der Geschichte? Vom Moment? Von der Intuition? Vom Universum? Von Gott?

In der Tat ist das für mich so was wie der „Heilige Gral“ der Improvisationskunst, es sind solche Momente, die leider viel zu selten passieren, aber die eigentlich immer unser Ziel sein sollten.
 
Beim Improvisieren können wir tatsächlich lernen, uns von anderen Dingen führen zu lassen als von unseren Ego.  
 
Das ist auch etwas, das eine wirklich gute Führungspersönlichkeit in Business oder Politik ausmacht: zu erkennen, was der Markt/das Land/die Firma/der Mitarbeiter/der Kunde/der Bürger gerade braucht und darauf zu reagieren (und im Wort „Reagieren“ steckt zwingend das „Agieren“, also konkretes Handeln).
Dann ist er wie ein guter Improspieler, der „Ja! Und...“ sagt. Und nicht wie so viele Chefs dieser Welt, die  „Nein, so nicht“,  „Naja, aber“ oder „Aber nur, wenn...“ sagen.

Ich habe festgestellt, daß es Improspielertypen gibt, die gerne und schnell „starke“ Angebote machen und damit wichtige Entscheidungen für eine Szene treffen, um die Geschichte voranzutreiben. Meistens sind dies übrigens auch diejenigen Spieler, die lieber Hochstatus- als Tiefstatusfiguren spielen.  Diese Spieler blockieren gelegentlich auch mal ein Angebot des Gegners oder kämpfen für ihr eigenes Angebot (sagen also „Nein, lieber...“ oder „Ja,aber dann...“). Sie lassen sich  gern von ihrem Ego führen und sollten daran arbeiten, sich auch mal führen zu lassen und der Geschichte zu „dienen“.
Umgekehrt gibt es gerade unter Anfängern nicht wenige Spielertypen, die Verantwortung eher scheuen. Diese Spieler haben Angst, daß ihnen nichts Gutes (oder Richtiges?) einfällt, daher breiten sie den status quo weiter aus und geben  die Verantwortung für den nächsten Schritt lieber ab. Dies sind folgerichtig auch die Spielertypen, die gerne und gut Tiefstatus-Figuren spielen. Sie blockieren nie, sagen immer JA, aber dann fehlt manchmal das UND. Diese Spieler sollten daran arbeiten, auch mal ein (starkes) Angebot zu machen.

Gute Impro braucht – wie gutes Teamwork – immer beides: Ausbreiten und Vorantreiben,  Verantwortung abgeben und Verantwortung nehmen,   „JA!“ und „UND!“

Das wird schon bei der  „Ein-Wort-Geschichte“ deutlich: es gibt (grammatikalisch bedingt) wichtigere und unwichtigere Worte in einem Satz.  Manchmal höre ich in Workshops so etwas: „Das-große-alte-runde-gelbe-und......“  Ja was denn nun, verdammt?  Das Nomen ist ein Schlüsselwort für die Geschichte, ich will wissen, um was es geht, also bitte sprich es aus!  
Wenn du also merkst, dass du mit so einem „Schlüsselwort“ dran kommst, dann nimm die  Verantwortung wahr. Und sag im besten Falle das, was die Geschichte gerade braucht.

In diesem Sinne: Lenkt doch euren Focus in diesem Monat sowohl beim Impro als auch abseits der Bühne mal auf dieses Thema und erforscht euch selbst mit folgenden Fragen:

Nehme ich lieber Verantwortung oder gebe ich sie eher ab?
Bin ich lieber Hochstatus- oder Tiefstatusspieler?
In welchen Situationen fällt es mir leichter das eine oder das andere zu tun?
Und schließlich und vor allem:
Gebe ich der Geschichte und meinen Spielpartnern (auf der Bühne und im Leben) das, was sie jetzt gerade brauchen?

Viel Spaß dabei wünscht euch,
Thomas
 
Thomas führt Euch durch das Schnupper-Wochenende September am 24.+25.9. und durch die Anfängerklasse am Montagmorgen vom 31.10.-19.12. Und er wird (wie die meisten unserer Lehrer) beim Sommerfest am Sonntag, dem 17.7. mit Euch zusammen auf der Bühne stehen. Follow the follower…
JUNI

Wer nichts zu sagen hat, hat auf der Bühne nichts verloren…

geschrieben von Michael

Wenn wir auf die Bühne gehen, gehen wir in die Öffentlichkeit, wir bleiben nicht anonym, wir verschwinden nicht in der Masse, wir gehen nicht grundlos. Wir treten vor das Publikum nicht aus therapeutischen Gründen, hierzu dient der Proberaum, der Workshop oder die Trainingseinheit. Wir gehen auf die Bühne, weil wir etwas zu sagen haben. Weil wir eine Haltung haben. Die Bühne erwartet dies von uns, das Publikum erwartet dies von uns!

Benutzen wir folgendes Beispiel:
Ein Schauspieler spielt einen Antifaschisten, der in seiner Wohnung einen Senegalesen versteckt. Jetzt genügt es nicht, dass wir als SpielpartnerInnen auf die Bühne gehen und deutlich machen, dass wir auch alle pc sind. Das Terrain ist abgesteckt. Wir brauchen einen Gegenspieler mit verführender Überzeugungskraft. Und wir haben die Aufgabe diesen Gegenpart zu übernehmen. Ihn (den Nazi) nicht zum Popanzen zu machen und nicht zur Karikatur,  sondern (mit allen Mitteln der Schauspielkunst!) zum Menschen! Nur dann wird die Bedrohung wirklich zur Bedrohung.

Wir haben das Werkzeug, diesen Gegenpart zu übernehmen. Wir haben die Information, denn wir lesen Zeitungen, wir führen Diskussionen mit anderen und wir kennen die Nachrichten. Und wir brauchen diese Informationen, um eine Haltung zu entwickeln. Auch Sprachlosigkeit kann zur Aussage werden, nur muss diese Sprachlosigkeit begründet sein. Das bedeutet, dass die Figur, die ich spiele, sprachlos ist, hilflos etc. - nicht aber der Schauspieler hinter der Figur.

Wer als Mensch nichts zu sagen hat, als Mensch sprachlos ist, der hat auch auf der Bühne nicht zu sagen.

Michael Wolf arbeitet als Schauspieler, Autor und Regisseur. Er ist Gründungsmitglied der Gorillas. Michael wird das Schnupper-Wochenende 29./30.10. und die Montags-Abendklasse für Fortgeschrittene ab 31. Oktober unterrichten. Viel Spaß!

MAI

Fehler können Freunde sein

geschrieben von Leon

Wie wir alle wissen, gibt es in der Improvisation einige Richtlinien: Den Spielpartner wahrnehmen, akzeptieren, Focus geben und nehmen, Angebote machen, keine Fragen stellen, unsichtbare Gegenstände sichtbar machen, positiv beginnen...Und dazu kommen die Regeln der Impro- Games und Formate: Ein-Wort-Geschichte, Zwei-Kanal-Ton, Dreisatz-Szene, Vier Wände, Bei fünf sind alle auf dem Baum. Um nur Einige zu nennen.
Das klingt erst mal paradox: Improvisation ist doch der Umgang mit dem Nicht-Geplanten, steht für locker werden, im Moment sein und eben nicht für Nachdenken und Erfüllen. Anscheinend nicht ganz. Ein Glück für uns Gorillas, denn sonst hätten wir nichts zu unterrichten, dann gäbe es die ganze Impro- Schule nicht.
Aber warum gibt es in der Impro so viele Regeln? Tja, gute Frage, hier drei mögliche Antworten: Um die Spieler durch den Focus auf die Regeln von ihrer Unsicherheit abzulenken (so geschehen in den 1960iger Jahren im Royal Court Theatre bei Keith Johnstone). Um in der Begrenzung Freiheit zu erlangen (so geschehen in vielen Kunstformen wie Oper oder Ballett). Um beim Geschichten- Entwickeln zu wissen, was eine gute Story ausmacht (so oder so sehr wichtig). And last but not least: Um das Zusammenspiel zwischen zwei oder mehreren Personen durch Regeln zu Erleichtern. Das gilt für die Bühne UND für das richtige Leben. Die sogenannten Softskills. Denn anders kann ich mir nicht erklären, dass viele Kurs-Teilnehmer zu uns kommen, ohne unbedingt auf die Bühne zu wollen. Vielen Dank an dieser Stelle.
Und jetzt zum eigentlichen Thema: Fehler können Freunde sein, heiter Scheitern oder warum kündige ich drei mögliche Antworten an, um dann vier zu geben?
Aus meinen Kursen als Impro-Lehrer habe ich gelernt, dass der Mensch, wenn er eine Regel bekommt, sie auch erfüllen möchte. Und wenn das nicht gelingt, er enttäuscht ist und sofort damit beginnt, sich zu ärgern. Da sind der Selbstzerstörung keine Grenzen gesetzt. Immer wieder muss ich den Schülern sagen: „Spielregeln sind da um sie zu lernen und nicht um sie zu können. Überhaupt seid ihr hier um etwas zu lernen und nicht, um alles schon zu können!“ Wenn dann eine Schülerin nach einiger Zeit die Regel immer noch nicht verstanden hat, fliegt sie raus. Nee Quatsch, Fehler.
Fehler können Freunde sein, weil sie uns überraschen. Weil sie uns entlasten, etwas zu erfüllen. Weil sie einen neuen, nicht planbaren Weg aufzeigen. In der Improvisation muss es Fehler geben, denn sonst hätte niemand etwas riskiert. Und das ist das Wesen der Improvisation: etwas zu tun, von dem man nicht weiß, wie es wird.
Welche Fehler kann ich denn machen auf der Impro-Bühne? Hier einige gern gesehene Beispiele:  Ich laufe durch einen Tisch, den mein Spielpartner etabliert hat. Ich spreche zu leise. Ich habe den Namen eines Charakters vergessen. Ich spiele unglaubwürdig. Ich habe die Geschichte durch ein kompliziertes Angebot durcheinander gebracht. Alles ist möglich. Doch Fehler können nur Freunde sein, wenn sie uns nicht aus der Story hauen oder komplett verunsichern. Man sollte sie aber auch nicht ignorieren, denn alle haben sie gesehen oder gehört. Hier einige Vorschläge, wie meine Partner in der Figur verbal reagieren könnten: „Und ich hätte schwören können, das da eben noch ein Tisch war.“/ „Du sprichst so leise, damit ich dich nicht verstehe!“/ „ Sag mir wie ich heiße, oder ich verlasse dich! / „Ich glaub dir kein Wort!“ / „Bitte erkläre mir mal, wie es jetzt weiter gehen könnte.“ All diese Momente könnten der Geschichte eine neue Richtung geben. Und deshalb wird es im besten Falle irgendwann keine Fehler mehr geben, denn alle sogenannten Fehler können die Geschichte, die Energie oder den Spaß steigern. Getreu dem Motto: Everything that happens is meants to happen (Alles was geschieht, soll geschehen).
Ausnahme der neuen Regel: Wenn es zu kompliziert wird, kann man mal ganz aussteigen. Das sollte aber nicht als Gag geschehen, sondern wirklich nur zur Klärung um überhaupt weiter spielen zu können. Denn wir stellen uns in den Dienst der Geschichte.
Fazit: Es ist normal, dass ihr alle Regeln und Richtlinien lernen wollt, das solltet ihr auch versuchen.  JA GENAU! Wenn ihr dann spielt, müsst ihr aber nicht aktiv dran denken, denn „Fehler“ machen euch wieder spontan. Das sollte euch nicht verunsichern, denn ihr wisst, Fehler passieren immer und sind dann keine mehr. Und: Fehler können Freunde sein!

Lieber Improschüler: Finde den inhaltlichen Fehler (nicht Schreibfehler) im oben stehenden Text und schicke ihn mit Begründung an mich: leon.duevel@die-gorillas.de. Unter allen Antworten (auch den fehlerhaften) wird am 31. Mai 3x1 Freikarte für eine unserer Vorstellungen im Grünen Salon verlost. Die Gewinner werden per Mail darüber informiert. Viel Glück!

Leon unterrichtet ab 23. Mai den Anfängerkurs am Montagabend und fährt mit Euch, so Ihr wollt, vom 8. bis 10. Juli auf Sommer-Fahrt in die Schorfheide.

APRIL

Beziehungen

geschrieben von Regina

Das Herz des (Impro-)Theaters sind die Geschichten, die wir erzählen- Geschichten von Beziehungen, die sich verändern.
Beim Improtheater entstehen neben den Beziehungen auf der Bühne auch Begegnungen im Zuschauerraum und zwischen Bühne und Zuschauern.
Jede oder fast jede Form von Beziehung ist schon mal dagewesen. Wir können nichts Neues erfinden. Trotzdem wollen wir, dass die Beziehungen, die wir improvisieren, frisch und lebendig sind.
Wie schaffen wir es auch nach fast 20 Jahren (ja- im kommende Jahr!), spannende Beziehungen zu kreieren?
Klar, die erste Begegnung, der Flirt, da knistert es, das ist spannungsvoll, egal was passiert. Ein Hauch von Aufregung, ein frischer Wind, Frühlingsgefühle!
Das erste Mal vor Zuschauern spielen, eine neue Beziehung mit den Zuschauern eingehen, welche freudige Aufregung da entsteht, ist bei den Improschulfesten spürbar.
Wie können wir den Flirt auf der Bühne und die Beziehungen immer wieder und auch unterschiedlich herstellen? Wie entwickeln wir diese Neugier aufeinander?
Keith Johnstone beschreibt in seinem Buch "Improvisation und Theater", wie er den Anstoß für die ersten Improübungen erhielt, als er mit Schauspielern am Royal Court Theatre in London arbeitete. Er vermisste in den Proben die Neugier aufeinander. Durch Improübungen sollten sie sich wieder dem Moment der Begegnung öffnen und in lebendige Beziehung treten.
Jetzt beim Festival während der "Metaimpro"- Show hat Rama Nicholas aus Australien den Beginn jeder Beziehung herausgestellt: der erste Blickkontakt. Sich wirklich ansehen. Offen sein für alles, was passiert, hinsehen, wirklich wahrnehmen, alles aufnehmen. Was macht mein Spielpartner da eigentlich? Wie sieht er aus, wie bewegt er sich, in welchem Tonfall spricht er?
Oft entsteht zwischen zwei Spielern eine Spannung im Spiel- durch Blicke, unerwartete Distanz oder Nähe, Körperberührung - und wir gehen schnell drüber hinweg. Wir begeben uns wieder ins Normale, Vertraute. Wir halten die Energie, die plötzlich entsteht, nicht, sondern lassen sie los, lösen die ungewohnte Distanz auf. Das Aushalten von dieser Spannung, sich hineinwagen ins Ungewissen einer Beziehung, das ist der erste Schritt und der sollte groß sein!
Bei der schon erwähnten "Metaimpro"-Show waren die Zuschauer eingeladen, persönlichen Monologen der Schauspieler auf der Bühne beizuwohnen. Es entstand eine intime Atmosphäre. Die Neugier sowohl der Mitspieler als auch des Publikums war für mich spürbar, greifbar im Raum. Für mich sind die Schauspieler auf der Bühne einen großen Schritt auf uns Zuschauende zugegangen. Sie haben sich gezeigt und haben es zugelassen, dass wir sehr genau hinsehen konnten. Sie haben etwas gewagt- nicht nur Rama hat den Flirt mit dem Zuschauer eröffnet.
Mein Frühlingsmotto daher: Reinschmeißen in die Begegnung, flirten was das Zeug hält!!!

Regina unterrichtet ab 24.5. den Anfängerkurs am Dienstagabend. Ihr gelebtes Beziehungswissen gibt sie gern bei der  Sommer-Fahrt ins Umland (26.-28.8.) weiter. Und zwar zusammen mit ihrem Gorilla-Mann Christoph.

MÄRZ

Aktuell sein

geschrieben von Christoph

Wie in so vielen Bereichen, sind der Impro auch inhaltlich keine Grenzen gesetzt - d.h. worum es auf der Bühne geht, ist naturgemäß völlig offen. Ich mag es, wenn sich die Akteure trauen, aktuell zu sein - denn aus meiner Sicht ist eine große Stärke von Improtheater die unmittelbare Spiegelung aktueller Ereignisse. Es erhöht die Kraft des Bühnengeschehens, wenn ich den Spielerinnen und Spielern anmerke, dass sie sich dessen bewusst sind, was auf der Welt geschieht, dass sie informiert sind über politische, soziale, gesellschaftliche Geschehnisse und Strömungen. Wenn Du einen Arzt beim Operieren des Herzens spielst, erwarte ich von Dir nicht, dass Du alle medizinischen Fachbegriffe kennst. Wenn Du aber einen Menschen verkörperst in einer Szene, die im Lageso spielt, interessiert mich Deine Figur mehr, wenn Du weißt, wie z.B. die Vorsitzende der AfD heißt und der Berliner Sozialsenator, als wenn Du es nicht weißt - eben weil ich dann merke, dass Du wahrnimmst, was um Dich herum geschieht und ich Deiner Figur eine höhere Authentizität zugestehe (und wenn Du einen unwissenden Charakter spielst, der in der Rollenprosa die beiden nicht kennt, merke ich trotzdem, ob Du als DarstellerIn weißt, wer sie sind).

Unser diesjähriges Festival will diesem Gedanken Rechnung tragen, und so ist ein Schwerpunktthema des diesjährigen Jahrgangs,  sich mit Grenzen und Freiheit auseinanderzusetzen. Das große Thema unserer Tage ist also auch bei der IMPRO angekommen, und es ist eine Herausforderung, aber auch eine Chance für uns, sich dem zu stellen und es in unser Bühnengeschehen einfließen zu lassen. Dass es dabei vielleicht auch mal ernster wird als sonst, dass vielleicht auch Szenen misslingen, weil sie ggf. dem Thema nicht gewachsen sind - das ist nicht nur möglich, sondern sogar zu hoffen, denn nur wenn wir etwas riskieren, werden wir dazulernen, werden wir unsere Theaterform weiterentwickeln.

Christoph ist Festivalleiter der IMPRO, die vom 11.-20.3.2016 stattfindet und  das Motto „Borders. Limits. Liberty" trägt. www.improfestival.de
Christoph unterrichtet ab 23. Mai die Fortgeschrittenen-Klasse und Ende August das Impro-Sommer-Camp zum Thema Liebe und Beziehung, letzteres zusammen mit seiner Frau Regina

FEBRUAR

Being interested in your partner

written by Inbal

Für die deutsche Version bitte nach unten scrollen!

So here’s what I have learned from watching great improvisers playing: it’s not all about them.
In fact what makes their impro personal, real, flowing, funny and touching, is the amount of care and focus they give to their partners and their characters.
The audience might enjoy seeing us fighting, but I can promise you, they will care for us more if we actually like each other. The show may be amazing with this cool, extraordinary character you just found. but it will be more enjoyable and can go much further if you help us know what’s up with your partner as well.

So how much do we really see our partners when we are up there?
What gifts are we giving them by asking their characters questions like: “How are you since the divorce?” or “Looking good, is that a new hair cut? “(Tim Orr, BATS)
How much focus do we give them when they have a monologue that can truly affect us and them?
Unless you're having a one woman show, impro is never all about you. be it failures or success, it’s always team work. And that means that a lot of our focus should go towards our partners and their characters, to see who they are and then understand what they need.

Inbal teaches our English improv classes (alternating with Lee). Next dates: March 8th - May 10th (Beginners English) and March 3rd - May 19th (Morning Beginners English).

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Interessiert sein am Partner

geschrieben von Inbal

Das ist es, was ich vom Beobachten toller Improspieler gelernt habe: Es geht nicht nur um sie! Vielmehr wird ihre Impro persönlicher, echter, fließender, lustiger und berührender, weil sie mehr Mühe und Fokus auf ihre Partner und deren Charaktere verwenden.
Dem Publikum gefällt es vielleicht, uns zuzusehen, wie wir uns gegenseitig die Aufmerksamkeit stehlen, aber ich kann Euch versichern, sie werden sich mehr für uns interessieren, wenn wir nett zueinander sind. Die Show ist vielleicht super mit diesem coolen, außergewöhnlichen Charakter, den Du gerade gefunden hast, aber sie wird viel unterhaltsamer sein und kann sich besser entwickeln, wenn Du uns hilfst, auch Deinen Partner zu verstehen.
Wie sehr nehmen wir unsere Partner überhaupt wahr, wenn wir einmal in der Szene sind? Welche Geschenke können wir ihnen anbieten, wenn wir einfache Fragen stellen wie „Wie geht es Dir seit Deiner Scheidung?“ oder „Du siehst gut aus, warst Du beim Friseur?“ (Tim Orr, BATS). Wie viel Fokus geben wir unserem Partner, während sie einen Monolog hält, der sich sowohl auf sie als auch uns auswirkt?

Sofern Du keine One-Woman-Show hast, geht es beim Improvisieren niemals nur um Dich, sei es Scheitern oder Erfolg. Es ist immer Teamwork. Und das bedeutet, dass eine Menge Deines Fokus Deinen Partnern und ihren Charakteren gelten sollte, um zu sehen wer sie sind und dann zu verstehen, was sie brauchen.

Inbal unterrichtet abwechselnd mit Lee unsere englisch-sprachigen Impro-Klassen.  Nächste Termine: 8.3.-10.5. (Beginners English) und 10.3.-19.5. (Morning Beginners English)

JANUAR

Vertrauen

geschrieben von Urban

Herzlich willkommen im neuen Jahr! Die meisten von uns haben kürzlich mehr oder weniger heftig auf das Jahr 2016 angestoßen.

Wir tun das, weil wir darauf vertrauen und hoffen, dass in einem neuen Jahr neue Chancen auf uns warten und Wünsche wahr werden können.
Das neue Jahr liegt vor uns wie eine Ebene mit unberührtem Schnee. Alles ist noch möglich! – So ist es auch auf der Improbühne.

Zuerst ist da eine völlig unberührte, leere Theaterbühne. Dann gibt es den Titel der Geschichte vom Publikum, dann tritt die erste Figur auf, die ersten Worte werden gesprochen, die Geschichte entwickelt sich. Später schauen wir, welche Spuren wir auf der Bühne hinterlassen haben. So wie man auf das Schneefeld zurückschaut, das man gerade durchlaufen hat.

Auf den Weg machen kann sich ein Impro-Ensemble nur, wenn es sich vertraut! Wenn die Angst überwiegt, was alles auf dem Weg schief gehen könnte, wage ich nicht mal den ersten Schritt.
Als Improspieler wissen wir, dass eine Szene plötzlich ins Stocken geraten kann. Wir vertrauen aber darauf, dass die Kollegen uns beispringen, und dass wir dann gemeinsam den Karren aus dem Dreck ziehen können. Und wenn das nicht klappt, werden wir alle gemeinsam grandios scheitern! Dann schütteln sich alle einmal, und auf geht’s zur nächsten Szene – zu neuen Ufern.

Lebenszeit in solch einer vertrauensvollen Atmosphäre zu verbringen ist etwas Besonderes. Wem vertrauen wir in diesem Leben eigentlich wirklich? Unserem Lebenspartner? Dem Bio – Siegel? Ärzten? Unseren Lehrern? Politikern? Unseren Eltern? Der Zukunft? Uns selbst?

Egal ob im „echten Leben“ oder auf der Improbühne: Vertrauen kann nur im echten Kontakt entstehen. „Meet somebodys eyes“ ist ein schönes Impro – Mantra. Wann haben wir zuletzt solch einen echten, fast intimen Kontakt mit unserem Spielpartner gehabt? Ihm/Ihr wirklich in die Augen geschaut!? Dazu gehört Mut und Vertrauen darauf, dass der andere auch diese echten Momente sucht. Und wie herrlich ist es, wenn man sie auf der Improbühne erleben darf.

Wenn man Improtheater spielt, bekommt man dieses Vertrauen fast geschenkt. Es entsteht von selbst. Sicher, es gibt auch „Vertrauensübungen“ in den Workshops wie z.B. „Blind geführt werden“. Aber meinen Ensemble-Partnern vertraue ich blind, weil ich so oft erlebt habe, dass sie meine Angebote annehmen, dass ich mich über ihre Angebote freue, dass im entscheidenden Moment jemand in die Bresche springt, dass wir Niederlagen gemeinsam eingesteckt haben und dass wir Erfolge gefeiert haben! Wir arbeiten nicht am „Vertrauen“. Wir arbeiten daran, „Ja“ zu sagen, im Moment zu sein, Verantwortung zu übernehmen und abzugeben, wir arbeiten daran zu reagieren, unseren Impulsen zu vertrauen und ihnen zu folgen. Daraus entsteht Vertrauen. Zu anderen und zu sich selbst. Im neuen Jahr kann man viele von diesen Tugenden gut gebrauchen!

Zu Silvester wird angestoßen. Auch dort ist der Augenkontakt sehr wichtig. Wer den verpasst, hat 7 Jahre schlechten Sex. Wer den Augenkontakt beim Improtheater verpasst, hat 7 Minuten schlechtes Schauspiel. Mindestens! Prosit Neujahr!

2015

DEZEMBER

Jedes Angebot ist ein Geschenk

geschrieben von Robert

Eine der Grundregeln des Improvisierens sagt mir, dass jedes Angebot eines Spielpartners ein Geschenk ist. Aber schon nach kurzer Zeit habe ich bei mir selbst bemerkt, dass ich selbst bei gutem Willen manche Angebote nur schwer annehmen kann. Ich verstehe sie inhaltlich nicht. Oder verstehe sie zwar, finde sie aber daneben. Vielleicht sind sie auch zu undeutlich oder schwach. In diesen Fällen landet das Geschenk quasi im Müll. Was tun?

Ich denke, es gibt nur eine Lösung: Mehr Demut, weniger Ego. Nicht bewerten, akzeptieren! Das klingt einfach, ist aber nur möglich, wenn man sich wirklich in jedem Moment  auf der Bühne öffnet und es schafft, den Zensor wirklich abzuschalten.

Dabei steht mir z.B. manchmal mein persönlicher Geschmack im Weg. Ich mag das Angebot einfach nicht. Aber es geht eben nicht darum, dass ich es mag, sondern dass ich vertrauensvoll mitgehe und mich auch gegen meine eigene Erwartung überraschen lasse. Der große Vorteil bei dieser Herangehensweise ist, dass man zusammen weiterspielt, während man beim Blockieren des Angebots stehen bleibt und nicht mehr an einem Strang zieht. Ja, vielleicht erkennt die Mitspielerin sogar, dass man sich kurz dazu aufraffen musste, mit ihrem Angebot mitzugehen und tut das Gleiche für einen selbst, wenn man selbst mal ein unklares oder ungeschicktes Angebot macht.

Vielleicht halte ich mich auch für schlauer als den Mitspieler und habe das spontane Bedürfnis, ihn zu "verbessern". Aber auch um Korrektheit geht es eben nicht beim Improvisieren, sondern darum, Fehler zu umarmen. Mal sehen, wohin sie uns führen. Die Französische Revolution in der Szene um einige Jahrzehnte verschieben? - Pourqoui pas?

Jeder Spieler hat so seine Eigenheiten, die ihn daran hindern, wirklich immer das Angebot des Partners zu akzeptieren. Man muss sich auch als erfahrener Spieler immer wieder daran erinnern, weniger klug sein zu wollen und mehr an den Fluss der Szene zu denken, weniger zu bewerten und mehr zusammen zu entwickeln. Und wenn das dann wirklich klappt, stehen die Chancen sehr gut, eine gute Szene zu spielen, etwas zu entdecken, zu schenken und beschenkt zu werden!

NOVEMBER

Tiefe

geschrieben von Michael

Das Jahr geht langsam zu Ende und wir nehmen das Tempo etwas raus. Die Bäume verlieren ihr Laub, der erste Schnee fällt und die Welt scheint etwas stiller zu werden. Die Zeit der Besinnung und Reflektion wird eingeläutet und wir verlassen die Oberfläche um in unsere Tiefen abzutauchen.
Beim improvisierten Theater vermisse ich oft diese Tiefe. Ein Improvisations-Schauspieler scheint immer unter Druck, immer auf dem Prüfstand der Schlagfertigkeit zu stehen. Schnell, schnell, schnell , mir fällt da noch etwas ein. Wir bleiben auf Speed, auf der Überholspur und haben keine Chance etwas von links und rechts mitzubekommen. Keine Möglichkeit für die sensiblen Angebote, sie gehen im lauten Brausen des Fahrtwindes unter.
Gekrönt wird diese Art zu spielen von der Reaktion des Publikums: „Mein Gott sind die schnell, sind die schlagfertig!“ Die Oberflächlichkeit bekommt ihre Legitimation. Soll uns das wirklich Zufrieden stellen? Geht es nicht um mehr? Wollen wir nicht Geschichten erzählen, die es zu erzählen lohnt?. Natürlich gelingt uns das bei der Improvisation nicht immer, Abstürze sind vorprogrammiert. Wer aber einmal Reakionen erfahren hat wie „Diese Szene, oder diese Figur hat mich gerade sehr berührt, an etwas erinnert oder nachdenklich gemacht.", der begibt sich folgerichtig auf den Weg, die Tiefe auszuloten.
Eine gute Geschichte benötigt Zeit, Zeit für den Gedanken. Es sind die stillen Momente, zwischen Aktion und Reaktion, die Gedanken gefüllten Pausen, die unser Schaffen wertvoll machen. Opfern wir unsere Zeit nicht länger dem verschwenderischen Schlagabtausch.
Ich wünsche euch Mut zur Stille, auf der Bühne, wie im Leben.

Euer Michael Wolf

Oder wie heißt es so schön. Einfach mal die Schnauze halten.

OKTOBER

Loslassen

geschrieben von Billa

„Die Dinge annehmen heißt loslassen“  sagte mir mal eine sehr schlaue Frau. Ich konnte damals nichts damit anfangen, wollte ich doch daran festhalten, weil es mir doch wichtig ist, ich kann es doch nicht einfach aufgeben und es einfach vergessen. Gut, dass ich über das Thema „Loslassen“ schreiben darf und darüber nachdenken muss, was es denn bedeutet und vor allem, was es für die Improvisation bedeutet. Ich habe die Erkenntnis, dass ich Situationen, Lebensabschnitte, nicht ändern kann, sie passieren und wenn ich das akzeptiere, dann macht es mich leichter und ich gräme mich nicht weiter, warum es ausgerechnet mir passieren musste. Ich akzeptiere es und vertraue darauf, dass alles seinen Sinn hat und neue Dinge passieren werden.
Loslassen heißt also Akzeptieren. Dinge geschehen ohne mein Dazutun. Vertrauen, dass alles aus gutem Grund geschieht, ich akzeptiere den Verlauf einer Szene und lasse los. Ich lasse los von meiner Idee, von meiner Vorstellung einer Geschichte, lasse los von meinem typischen Verhalten und lasse mich auf was Neues ein und entdecke ungeahnte Fähigkeiten. Vielleicht gefällt es mir nicht, aber Impro ist Zusammenspiel und die Interaktion mit meinem Partner/in, mit dem Publikum, mit mir selbst. Ich kann keine Kontrolle haben! Vertrauen, dass wir gemeinsam eine Fantasie schaffen, heißt loslassen. Nicht Festhalten an dem Gedanken, das was man glaubt, sei das Richtige. Bei der Impro erlebe ich oft, dass die Schüler Kontrolle behalten wollen, obwohl man den Zustand des Loslassens anstrebt. Lass ich los, habe ich dann keine Kontrolle mehr über mich selbst? Und was passiert dann?
Sich fallen zu lassen, wenn man denn dann los gelassen hat, Vertrauen haben, dass die Dinge sich fügen, den Reiz auf das Neue und Unbekannte zu haben, die Neugierde zu feiern, auch die auf meinen Partner/in, zu meiner Phantasie, frei zu sein und den inneren Zensor zu überwinden, und die Fantasie bekommt Flügel.

Billa unterrichtet den „Format“-Kurs im Impro4ever-Level ab Januar 2016.

SEPTEMBER

Vor der Show ist während der Show

geschrieben von Barbara

Wie wärmt ihr euch auf? Wie bereitet ihr euch auf die Show vor? Das werde ich manchmal gefragt. Nun, wir erfinden alberne Silbengedichte, spielen Taramtamram, Assoziieren... Eigentlich ist es völlig wurscht, was für Spielchen vorher gemacht werden um "zusammen zu kommen". Und natürlich gibt es Rituale. Für die Frauen ist das häufig das Schminken und dabei wird natürlich geredet. Auch das Wechseln der Kleidung und Schuhe hilft, sich in eine Auftritts-Spannung zu begeben.
Meiner Meinung nach ist das Wichtigste, in dieser Zeitspanne die innere Haltung zu überprüfen. Die Offenheit und das Interesse, was ich meinen Kollegen in der Garderobe privat entgegenbringe, spiegelt sich auf der Bühne wider in der Art, wie sehr oder wie wenig ich mit den Ideen der anderen mitgehen kann.
Besonders herausfordernd sind natürlich negative Gefühle, die ein Mitspieler in mir auslöst. Was im Gespräch zu klären ist, sollte man in einer ruhigen Minute unter vier Augen ansprechen, nicht kurz vor der Show. Hab ich das versäumt, hilft nur, es zu akzeptieren und für die Zeit der Show wegzupacken. Sind beide gewillt, eine gute Show zu spielen, wird das stärker sein als die private Uneinigkeit. Schaut Euch in die Augen, lächelt Euch im Wissen um Euer gemeinsames Handicap an und spuckt Euch über die Schulter. Versucht es, auch das ist ein stetiges Üben von Toleranz und Akzeptanz. Und mancher Unmut löst sich beim Spielen wie von selbst auf.
Also: seid offen und warmherzig miteinander, das ist die beste Voraussetzung für eine gute Show! Und für die Zeit danach. Denn das ist die Zeit vor der übernächsten Show.

Barbara ist eine der LehrerInnen im „Showtime“-Kurs im Impro4ever-Level, betreut die Impro-Session am 3.11. und unterrichtet gemeinsam mit Micha die lange Impro4ever-Klasse ab Januar zum Thema „Biographie als Input“.

 

JULI

Der Unterschied zwischen Darstellen und Schauspielen

geschrieben von Bjørn

Ich werde oft gefragt, wo denn der Unterschied zwischen Darstellern und Schauspielern liegt. Ich habe lange darüber nachgedacht, die Worte auseinanderklamüsert und bin dann zu einer für mich befriedigenden Antwort gekommen.
Darsteller besteht aus „dar“ und „stellen“, was soviel bedeutet wie hinstellen.
Das heißt, es wird etwas hingestellt, was danach regungslos so stehen bleibt. Und genau das ist es, was Darsteller machen, sie schlüpfen in eine Figur und stellen sie mit einer Haltung, mit einer Emotion und mit einer einzigen Dynamik dar. Das erscheint oft schnell lustig, aber es bleibt an der Oberfläche und wird irgendwann eintönig und langweilig.
Schauspieler besteht aus „Schau“ und „spielen“, was soviel bedeutet wie etwas Zusehendes bewegen.
Das heißt, dass das, was gesehen wird, bewegt wird. Die Figur, welche von einem Schauspieler gespielt wird, ist dynamisch in ihren Emotionen und Haltungen. Dadurch wirkt die Figur weniger behauptet und viel lebendiger. Es gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, mit der Figur mitzuleiden, sich für sie zu freuen oder zu weinen. Es ist die Grundlage einer jeden Geschichte, da Geschichten nur durch Veränderung entstehen.
Ich möchte alle SchülerInnen auffordern sich zu trauen mehr Schauspieler als Darsteller zu sein.

Björn unterrichtet die Fortgeschrittenen-Klasse vom 27.10. bis 15.12.

JUNI

Gute Vorsätze

geschrieben von Luise

Ich habe lange überlegt, was könnte denn mein »Fokus des Monats« sein? Was ist denn gerade dein Fokus? Ich habe mir immer gerne vor jeder Vorstellung beim Improvisieren etwas vorgenommen: Heute sei ein guter Supporter! Spiel doch mal Charaktere X/Y heute, die du so ungern machst! Heute hast du Spaß auf der Bühne! Heute achtest du mal darauf »körperlich« zu spielen! Nimm die Stimme mit! Heute setzt du mal dieses und jenes um, was du im Workshop bei X/Y gelernt hast! Heute sei doch einfach mal mutiger! ... Beim Improvisieren gibt es so viele tolle goldene Regeln und Tipps, um dein Spiel auf der Bühne zu bereichern und die Kunst von Impro wirklich zum Strahlen zu bringen. Nach Jahren der »Gewohnheit« ist es gut, sich diese von Zeit zu Zeit und immer wieder in Erinnerung zu rufen!
Aber nicht nur dort: Ich habe 200 Mal den »Zille« am Kurfürstendamm gespielt, und auch da hab ich mir für jeden Abend einen anderen Fokus gegeben. Ich habe an meiner Ausrichtung arbeiten wollen und viel ausprobiert. Ich habe verschiedene Textstellen überarbeitet und am richtigen »Sitz« des Gags gefeilt. Ich bin stundenlang Dialogzeilen durchgegangen und habe nach der Haltung gesucht, der Motivation und dem Untertext und habe auch da jeden Abend versucht, einen anderen Schwerpunkt zu setzen und mich wieder neu für die Vorstellung zu motivieren und herauszufordern.
Was ist es also, das dich gerade besonders herumtreibt? Welchen Fokus hast du?
Mein Fokus momentan ist es, so fiel es mir dann ein, mir nichts vorzunehmen. Ohne Vorsatz sozusagen. Ich erwarte nichts Bestimmtes, weder von mir, noch von den anderen. Ich erwarte nichts von der Szene, von dem Abend an sich, von mir oder vom Publikum. Ich versuche, mich und die Situation nicht zu bewerten. Ich versuche nur, offen zu sein für den Abend, meine Kollegen und für alles, was da auch immer später auf der Bühne geschehen wird. Ich bin einfach nur da. Ich versuche, dem Zustand von Leere und Offenheit innerlich so nah wie möglich zu kommen. Ich stelle meinen Regler auf Null und versuche, auch wirklich »nichts« zu wollen.
Warum? Ich glaube, weil wir dann in der Lage sind, uns wirklich ganz und gar auf das einzulassen was uns entgegenkommt, egal was. Ich glaube, wir hören besser zu, reagieren und entwickeln daraus unsere Haltungen ganz situativ und im Moment – lebendig, flexibel und wach.
Ich empfinde daraus viel Spaß und Glück auf der Bühne. Ich fühle mich frei, vielleicht sogar auch »befreit«.
Es ist Frühling und ich wünsche allen den Mut und die Freude, mal wieder ganz auf Null zu stellen, neu und frisch zu starten und an Herausforderungen heranzugehen. Auf ins Abenteuer – viel Spaß!
Luise unterrichtet vom 1.9.-20.10. die Anfänger (dienstags)

MAI

Raum

geschrieben von Sonja

Als Improspieler konzentrieren wir uns sehr stark darauf, die Geschichte durch Beziehungen zu den anderen Mitspielern und durch Charaktere aufzubauen. Nicht selten bewegen wir uns dabei im leeren Raum.
Dass das klassische Impro normalerweise auf einer leeren Bühne stattfindet, heißt noch nicht, dass die Bühne auch leer bleiben muss. Theater ist, unter anderem, auch ein sehr visuelles Medium. Genauso wie durch Reden und Körpersprache, können auch visuelle Elemente den Zuschauern etwas erzählen, wenn nicht noch viel stärker.
»Ein Bild sagt mehr als tausend Worte«. Visuelle Elemente aus einer improvisierten Darstellung herauszulassen heißt, mindestens ein Drittel der Ausdruckskraft von Theater zu opfern.

Was sind also diese »visuellen Elemente«? Wenn wir das Licht und die Kostüme außer Acht lassen, weil wir sie bei den Proben und Workshops selten benutzen, dann bleibt uns alles andere: welche Gegenstände befinden sich an dem Ort, wo unsere Szene stattfindet? Wie sehen sie aus? Haben sie besondere Merkmale, Details?
Ein Schrank ist nicht nur ein Schrank. Es ist vielleicht ein sehr alter, sehr schöner Schrank aus feingeschliffenem Mahagoniholz. Weil ihm ein Bein fehlt, steht er vielleicht nicht mehr gerade und eine Tür öffnet sich immer von alleine. Drinnen stehen vielleicht Gegenstände, die der Besitzer lieber versteckt hätte. Eine Leiche? Ein riesiger rosa Teddybär?
Alle Bühnenelemente, die wir auf der Bühne als Improschauspieler definieren können, geben uns und den Zuschauern Hinweise zum Charakter und zu der Situation, in der sich ein oder mehrere Spieler in der Szene befinden.

Dazu kommt auch etwas vielleicht noch weniger Sichtbares - die Atmosphäre. Die Atmosphäre ist nie neutral. Sie wird nur oft nicht bespielt und bleibt dabei unsichtbar. Ist es heiß oder kalt? Windig? Stürmisch windig, oder ist es nur eine leichte Sommerbrise? Wie spät ist es? 3.15 Uhr mitten in der Nacht, 8 Uhr morgens oder Mittag? Ist es dunkel oder hell? Riecht es nach Blumen oder kann man kaum atmen?
Ein Spieler, der sich in eine spezifische Atmosphäre einlebt, erzeugt sofort Präsenz und stellt automatisch eine Stimmung, eine Situation und einen Charakter dar. Die Geschichte kommt (fast) von alleine.

Also: Gestaltet, spürt und spielt mit dem Raum. Die Szene und die Zuschauer werden sich freuen.

Sonja stellt ihr gerade erschienenes Buch »Collective Improvisation: From Theatre to Film and Beyond« am 5.6. um 16.30 Uhr in der ufa Fabrik in Berlin-Tempelhof, Viktoriastraße 10-18 im Rahmen unseres Impro-Film-Festivals »Should I stay or should I go« vor. Für mehr Informationen hier klicken.

APRIL

Teamplay - Du bist nicht allein

geschrieben von Christopher

Würde man alleine losziehen und einen Berg besteigen? Proviant und Kletterausrüstung einpacken, Routen festlegen, Hindernisse überwinden, Nachtlager aufschlagen und am Ende ohne Mitstreiter auf dem Gipfel stehen? Vermutlich nicht, denn es gibt zwei wesentliche Gründe, die dagegen sprechen: Es ist gefährlich. Und es macht in der Gruppe viel mehr Spaß.
Mit dem Improspielen ist es ähnlich: Ein Alleingang ist zwar nicht lebensbedrohlich, dennoch würde sich kaum jemand ohne Mitspieler auf die Bühne stellen. Warum auch, wo sich doch die Freude am Spiel und die Faszination des improvisierten Theaters erst im Miteinander wirklich entfalten kann. Zug um Zug, Schritt für Schritt, Wort für Wort.
Jede Improszene beginnt mit dem ersten Impuls, den ein Einzelner setzt. Bis ein Anderer folgt und den Impuls aufgreift, verändert oder weiterentwickelt. Bis ein Wechselspiel entsteht, das Synergien freisetzt. Wie ein Bergsteiger muss sich der Improspieler auf seine Gruppe verlassen und darauf vertrauen, dass man sich gegenseitig hält, nach oben hilft und auffängt, wenn man abzustürzen droht. Das erfordert ein Mindestmaß an Mut, aber man wird mit dem Gefühl von Sicherheit belohnt, sobald man spürt, dass es funktioniert.
Die Angst, mit leeren Händen vor das Publikum zu treten, kennt wahrscheinlich jeder Improspieler aus seinen Anfängen. Doch die Angst lässt sich überwinden durch die Gewissheit: Du bist nicht allein! Du hast deine Mitspieler, dein Team, das deine Bälle entgegennimmt und sie dir wieder zuspielt. Selbst wenn deine Kollegen dich mal hängen lassen sollten, gibt es noch den Musiker. Und falls sogar dem nichts einfällt, gibt es noch das Publikum. Auch das kannst du dir zum Mitspieler machen, denn Improvisation ist und bleibt Interaktion. Es gibt immer einen doppelten Boden. Und es gibt immer Mitstreiter, die mit dir zusammen das gemeinsame Ziel haben, den Gipfel zu erklimmen. Vertraue dir und deinem Team!

Christopher unterrichtet ab 21.5. den Impro4ever-Kurs »Songs/Stilistiken/Szenen«.

MÄRZ

Neugier

geschrieben von Christoph

Komisch, das Wort »gierig« hat einen sehr negativen Klang, »neugierig« ist dagegen vorwiegend positiv besetzt. Man könnte also schlussfolgern: Gier an sich ist nichts Schönes, es sei denn, man giert nach dem Unbekannten. Das trifft auf Impro eigentlich immer zu, denn die Lust darauf, etwas neu zu entdecken, ist Voraussetzung fürs Spielen vom Theater mit offenem Ausgang, und je mehr ich mich aufs Glatteis wage, desto mehr Erfahrungen werde ich machen.
Diese Neugier kann sich auf sich selbst beziehen - ich gehe auf die Bühne und bin mal neugierig, wie ich reagiere, obwohl ich gar nicht weiß, was kommt. Und auf den Partner - was hast Du da in der Hand? Wie lange studierst Du schon Mathe? Deine Neugier bringt die Geschichte voran!
Bei unserem internationalen Festival, der IMPRO (13.3.-22.3.), haben die Kolleginnen und Kollegen, die aus 12 Ländern anreisen, quasi gar keine Chance, nicht neugierig zu sein. Mut ist dabei der ständige Begleiter der Neugier, denn auch ein erfahrener Spieler und eine erfahrene Spielerin brauchen Mut, z.B. in einer fremden Sprache zu improvisieren. Also MUSS die Neugier größer sein als die Angst, denn nur dann kann eine Kommunikation mit den anderen Akteuren, die ja zu 3/4 vor demselben Problem stehen, nämlich keine English Native Speaker zu sein, stattfinden. Neugier braucht aber auch das Publikum: darauf, einem kolumbianischen Improspieler ohne Worte oder einer italienischen Kollegin mit besonders vielen Worten zuzusehen.
Also: seid gierig auf Neues, bei anderen und bei Euch.

FEBRUAR

Kritisieren

geschrieben von Urban

Wie kann man etwas Kritisieren, was frei improvisiert ist?
Das erste, was man beim Improvisieren lernt, ist ja, dass es kein »Richtig oder Falsch« gibt! Impro ist reine Intuition und Freiheit. Und trotzdem kommen irgendwann Momente der Unzufriedenheit, wenn eine Szene nicht gut gelaufen ist und man das Gefühl bekommt, besser sein zu wollen.
Ist es denn nicht ein genereller Widerspruch, wenn Impro-Leute auf der einen Seite die Tugenden von »Feier Deine Fehler« und »Fuck the rules« zelebrieren, und auf der anderen Seite,  Unzufriedenheiten mit sich rumtragen, ständig »besser« werden wollen und Frust empfinden und gegenseitig Kritik üben?
Dieser Widerspruch ist vorhanden, und macht es tatsächlich auch recht schwierig,  konstruktive Kritik in Improkreisen zu üben.Dazu kommt: Improspieler sind faul. Disziplin, Ausdauer, Konzentration auf Verbesserung von Schwachstellen und klare Konsequenzen, wenn Verabredungen nicht eingehalten werden, gehören nicht zu den Stärken von vielen Improgruppen, die ich kenne. Wie oft gehen lange Diskussionen und Auswertungsrunden über die Qualität einer Show nicht mit einem klaren Maßnahmenplan zu Ende, sondern mit dem Zitieren des über allem stehenden Allheilmittels: »Ist eben Impro!« Das erzeugt auf die Dauer aber erst recht Frust. Und es braucht viel Vertrauen in seine Impropartner, um sich darüber kritisch auseinanderzusetzen. In einer vertrauensvollen Atmosphäre ist Kritik konstruktiv, und sie folgt drei goldenen Regeln: Die Kritik erfolgt zeitnah, sie ist konkret, und sie dient dazu, den anderen zu stärken, und nicht den anderen klein zu machen oder zu verletzen.Der Teufel steckt im Detail. Wenn man sich die Mühe macht, genau hinzuschauen, an welchem Detail man denn arbeiten will, um seine Qualität zu verbessern, sind die Chancen deutlich höher, seine persönliche Entwicklung zu kontrollieren.
Für eine Improgruppe, die sich entwickeln will, ist es auf jeden Fall angebracht, sich mit derlei Zusammenhängen auseinanderzusetzen, um zu sehen, ob man denn die gleichen Ziele hat.
Ich kenne Impro-Gruppen, die so lange am Storytelling gearbeitet haben, dass sie automatisch bei Minute 70 der Show bei der »größten Krise des Helden« angelangt waren! Aufschrei: »DAS ist doch kein Impro mehr!«
Da kann man sich lange streiten, aber klar ist: Je besser man die einzelnen Qualitäten des Improspiels beherrscht und trainiert hat, und je genauer man in der Gruppe weiß, dass auch die Partner dieselbe Vorstellung von »Storytelling«, »Status«, »Emotionaler Wahrhaftigkeit« usw. haben, umso vertrauensvoller kann ich mich auch bei der Aufführung fallen lassen und auf den Moment vertrauen! Und da funktioniert Impro wieder, wie jede andere Kunst auch: Wenn ich auf der Bühne stehe, und der Vorhang aufgeht, zählt nur die Intuition und der Moment und ich muss mich auf meine Vorbereitung verlassen, und ich darf nicht über das Reflektieren, was ich gerade tue – sonst ist jede Kunst tot: Sei es ein Klavierkonzert, Ballett, klassisches Schauspiel oder Impro. Und wie leicht oder ernst man die Kunst des Improvisierens auch nimmt, nach jeder Kritik sollte man sich an die weisen Worte von Randy Dixon erinnern: »If you had a good show – you should go with your friends and have a beer – If you had a bad show, you should go with your friends and have a beer.«
Prost!

JANUAR

Anfang vom Ende

geschrieben von Billa

Wann ist etwas zu Ende? Wenn Silvester die Korken knallen und ein neues Jahr beginnt? Wann ist eine Impro-Szene auserzählt? Man fängt sie an, entwickelt sie weiter und will irgendwann ein Ende. Arbeitet regelrecht drauf hin. Eigentlich wollen wir Impro-Spieler doch im Moment sein (auch im Leben, also nicht ans Ende denken, denn das Ende kommt sowieso und alles hat ja bekanntlich ein Ende). Impro-Spieler lieben das Ungewisse, behaupten sie. Lieben es, nicht zu wissen was sie tun, behaupten sie. Wollen am Ende aber doch alles fertig erzählt haben, und zwar genau so, wie sie denken, dass das das Ende ist. 

Spannend ist, wenn man es sich zur Aufgabe macht, das Ende so stehen zu lassen, dass es kein Black und keine wilde Geste (»…und black«) von außen braucht. Es als Spieler mitzubekommen: hier ist Ende, und dann selbstbestimmt auszuhalten, dass es das war. Vielleicht bleibt manches unerzählt. Aber lieben wir nicht die Enden, die offen sind und ist es nicht schön, wenn man dem Zuschauer seine eigene Phantasie lässt?

Ich sage nicht: lass alles laufen, das Ende kommt von selbst. Ich sage: wenn es kommt, sieh es und setze dich dafür ein, dass es kommt. Akzeptiere das Ende und schenk ihm Aufmerksamkeit und Respekt. Halte es aus, dass nichts mehr zu tun ist. Das erfordert Mut. Und Vertrauen in die eigene Intuition, mitzubekommen, dass etwas vorbei ist. So entstehen in der Improvisation oft überraschende Enden, mit denen keiner gerechnet hat. Autoren sitzen oft jahrelang daran, ein solches überraschendes Ende zu kreieren. Bei einer Impro passieren uns diese magischen Momente manchmal einfach so. Sie als solche zu erkennen, setzt viel Wachheit und Akzeptanz im Spiel voraus. Und wie gesagt, Mut.

In diesem Sinne: bringt die Sachen mutig zu Ende, schon zum Jahresanfang! Alles Liebe!

Ende vom Ende

2014

JANUAR

Anfänge

von Ramona

Der Impro-Spieler sagt: fang einfach an. 

Egal womit. Hauptsache, du fängst an. Verschwende deine Zeit nicht mit Abwägen, tu einfach den ersten Schritt. Du musst eine ganz bestimmte Arbeit schreiben? Lass facebook aus und tippe den ersten Satz. Du träumst von einer Beziehung? Erhebe dich vom Sofa und geh in eine Bar. Du willst eine Impro-Szene in einer Kirche spielen? Sink auf Deine Knie. Oder küsse die Braut oder sag »Liebe Gemeinde«. Ganz egal wie und wo, fang einfach an.

Einfach bedeutet auch einfach im Sinne von klar wesentlich, fast schon radikal. Je einfacher die Ausgangssituation ist, umso komplexer kann das Spiel danach werden. Für dreifache Saltos braucht man einen undramatischen sicheren Absprung. Einfach zu sein ist viel schwerer als es kompliziert zu machen. Man muss dafür entscheiden können, was das Überflüssige ist und was das Wesentliche. Das ist sehr individuell und man muss regelmäßig trainieren, um zu erkennen: was ist wichtig in der Geschichte, im Leben, für mich? Beim Versuch, Anfänge einfach zu gestalten, also »leer« auf die Bühne zu gehen und zu schauen, was von selber kommt, liefert man sich dem eigenen Innenleben voll aus und es hilft, sich darin auszukennen. Man erfährt natürlich auch viel darüber, wenn man es immer wieder praktiziert. Lawrenz Krauss ist amerikanischer Kosmologe und erforscht den Anfang aller Anfänge, den Urknall. Er hat (sinngemäß) geschrieben, dass sich der Volksmund irrt, wenn er sagt »Von nichts kommt nichts«, dass es vielmehr auf die Definition des Nichts ankommt. Und beim Impro, wo wir mit Nichts auf die Bühne gehen, lernen wir, dass Nichts ne ganze Menge ist.

Einfach anfangen bedeutet auch, dass man es sich selber einfach macht, leicht. Denn dann kommen Spaß und Lust. Und dann ist alles einfach. Deshalb sagt der Impro-Spieler: Fang positiv an. Das kann ein verliebter Augenaufschlag sein, wenn die Bäckersfrau ihren  Kuchen einpackt oder ihre Freude daran, wie das Brot duftet… Dabei kann sie auch »negativ« ihre Nase direkt ins Brot bohren, zu langsam arbeiten oder alles selber aufessen… Sie kann sogar in einer vollends »negativen« Situation sein: am Rande des Ruins stecken, weil sie nicht backen kann, übel riecht oder ihre Kunden selbst zu Mehl verarbeitet… so lange sie als Spielerin positiv und verspielt damit umgeht, wird sie und damit die Geschichte im Fluss bleiben. Wenn man negativ guckt, bleibt man immer außen und guckt von da AUF die Spielsituation. Das macht den Blick enger. Wenn man positiv auf etwas blickt, ist die Abwehr weg und man lässt sich sofort involvieren. Das öffnet die Pforten zur eigenen Kreativität und die Spielmöglichkeiten werden unendlich. Eine abwehrende Haltung führt zum Stillstand, eine positive lässt es immer weiter gehen. Und das ist es ja, worum es bei Anfängen geht: Sie sind nur der Anfang, es wird nicht so bleiben, es wird immer weiter gehen. Man weiß nur noch nicht wie.
In diesem Sinne: einen positiven und einfachen Jahresanfang!

FEBRUAR

Wie Impro-Regeln unsere Einstellung beeinflussen können

geschrieben von Barbara

In der Improwelt üben wir uns an Regeln zu halten, z.B.: Akzeptiere die Ideen der anderen und auch deine eigenen, Lass deinen Partner nicht hängen, Geh rein auch ohne Idee, Ja genau und… und vieles mehr. Damit beeinflussen wir unsere Einstellung zum Positiven! Wir üben uns im Ja sagen zu allem, was auf der Bühne geschieht, im "da sein" und die Spielpartner zu unterstützen, Verantwortung zu übernehmen und Geschichten weiter zu entwickeln oder auch zu helfen, wenn andere uns brauchen.

Unsere persönliche, ganz private Einstellung (zum Tagesgeschehen, zu bestimmten Personen, Situationen, letztlich zum Leben) hängt oft zusammen mit unserer aktuellen Befindlichkeit oder mit Dingen, die wir (früher oder kürzlich) erlebt haben. Sie beeinflusst, wie wir unseren Kollegen und Spielpartnern begegnen. Wir haben für unsere Einstellung unsere guten Gründe. Wichtig ist, sich selber auf die Spur zu kommen, zu erkennen, was für Gefühle und Gedanken wir im Bezug auf (Ort, Person, Situation) haben. Man muss nicht alles veröffentlichen, aber überprüfe mal, mit welcher Einstellung du zum Spielen kommst…
Auja?
War das ein Scheißtag…?
Ich bin besser als…?
Andere sind besser als ich?
Ich hab keine guten Ideen?
Hoffentlich kommt xy heute nicht…?
Ich werde heute…?

Überprüfe dich, und übe dich zuallererst im Akzeptieren. Das sagt sich so leicht, und es wird anstrengend sein solange du es nicht einfach tust, sondern denkst: »Klingt anstrengend«. Neue, unerwartete Erfahrungen machen wir nur, wenn wir JA sagen. »Ja aber dann könnte ich doch auch einfach mich akzeptieren, wie ich alles scheiße finde…?!« Das ist auch die Voraussetzung, dass du das akzeptierst. Und dann gehe einen Schritt weiter und entscheide dich dafür, es zu ändern.

Die optimale Einstellung zum Improvisieren ist: offen sein für alles, was um dich herum geschieht, alles könnte ein großartiges Angebot sein. Hierfür ist es notwendig und wichtig, nicht nur bei dir selber zu sein mit der Aufmerksamkeit, sondern auch offen und neugierig für das, was von außen auf dich zukommt.

Impro fordert von dir eigenverantwortliches »Schrauben« an der eigenen Einstellung zur Spielsituation, die kannst du nur selber ändern oder beeinflussen! Offenheit »an« oder »aus« ist so simpel wie Datenroaming am Mobiltelefon »ein« oder »aus« zu schalten! Damit übernimmst du die Verantwortung für deine Befindlichkeit. In der heutigen Zeit, wo es auf allen Ebenen darum geht, Verantwortung nicht mehr abzuschieben, sondern zu übernehmen, kann Impro ein wertvoller Beitrag sein, wo man das auf spielerische Weise üben kann.

DU hast es in der Hand! Und dann wird viel Neues passieren.

MÄRZ

Say yes

geschrieben von Christoph

»Say yes - sag ja« ist das Motto der diesjährigen IMPRO, des internationalen Festivals, das wir Gorillas seit dem Jahr 2001 veranstalten. »Sag ja« ist die vielleicht knappste Zusammenfassung von Improvisationstheater, denn das ja-sagen, das Akzeptieren dessen, was da ist, ist die Grundlage allen Zusammenspiels. Manchmal entsteht das Missverständnis, dass ja sagen heißt, Konflikte bzw. Auseinandersetzungen zu vermeiden. Das ist mit »sag ja« aber nicht gemeint, sondern vielmehr das offen sein für Unbekanntes, die aktive Neugierde auf Unvorhergesehenes und eben die Bereitschaft, sich einzulassen auf DIE Mitspielerinnen und Mitspieler, die da sind, auf DAS Angebot, das gemacht wurde, auf DEN Raum, in dem man improvisiert.

Und das internationale Festival bedeutet für mich die beglückendste, die schönste Form des ja-sagens, die ich kenne. Denn die Faszination des Verständnisses über Länder- und Sprachgrenzen hinweg, die Begegnung zwischen Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt geht über das hinweg, was die Mühen der Ebene des Impro-Alltag ansonsten bieten, denn es verlässt die Routine des Vertrauten und des manchmal doch schon allzu Bekannten und eröffnet verstärkt die Möglichkeit, ja zu sagen zum Neuen, zum Fremden, es fördert die Lust zur Suche nach der Überraschung. Und es erhöht die Chance und die Wahrscheinlichkeit zu scheitern, denn natürlich gilt bei der Impro: aus dem Scheitern lernen wir noch mehr als aus dem Gelingen.

Sag also ja in diesem Monat nicht nur vielleicht zu einem Besuch eines Impro-Formats im Rahmen des Festivals, das Du nicht kennst, sondern sag ja könnte für Dich in diesem Monat beim Besuch von Kursen der Impro-Schule auch heißen: ich geh in die Szene, ohne zu wissen, was ich machen werde...

APRIL

Ziele

geschrieben von Leon

Was will ich? Wo möchte ich hin? Wie stelle ich mir meine Zukunft vor?
Schwierige Fragen, die wir im Leben nicht immer beantworten können. Auf der Bühne aber sollten! Jeder Charakter braucht ein Ziel, ein »Need«, eine Richtung. Es ist besser, etwas zu wollen als etwas nicht zu wollen. Erst dann kann es Helfer, Gefährten und Feinde geben. Für die Impro-Szene ein Riesenvorteil, denn jedem spannenden Konflikt liegt ein unerfüllter Wunsch, ein unerfülltes Ziel zugrunde. Das wissen wir von der Heldenreise (siehe: Joseph Campbell »Der Heros in tausend Gestalten« und Christopher Vogler »Die Odyssee des Drehbuchschreibers«) und vielen interessanten Geschichten.
Aber wie finde ich auf der Bühne die Antworten und damit ein Ziel?
Indem ich mich auf meinen Charakter einlasse und dann schaue, was mir noch fehlt, um vollkommen zu werden. Das wäre ein inneres Ziel. Es kann auch äußere Ziele geben. Es kann aber auch sein, dass mich das äußere Ziel in Bewegung bringt, um das Innere zu erreichen. Es können kleine Ziele für kleine Geschichten oder große Ziele für abendfüllende Storys sein. Wer auf der Bühne ein Ziel findet, wird automatisch zum Helden. Wenn du das Ziel nicht findest, findet es vielleicht dich oder dein Mitspieler für dich. Du musst es nur suchen.
Und welches Ziel sollte der Spieler in der Szene haben?
Das muss jeder für sich herausfinden, denn es hat mit den eigenen Stärken und Schwächen zu tun. Diese Ziele sollten aber nicht stärker als der Wunsch nach guter Zusammenarbeit sein, denn sonst sind wir nicht mehr offen für den Moment. Geh frei in die Szene und finde ein Ziel für den Charakter und die Geschichte.
April steht für Aufbruch, Neues und Verlockung – Es ist Frühling und Zeit für neue Ziele.

MAI

Wieso schreibst Du eigentlich nicht selbst was über Konflikte?!?

geschrieben von Lee White, CRUMBS

Mann, ich hasse Konflikte in meinem Leben. Ich halte einiges aus um sie zu vermeiden. Streits und Spannungen – wer braucht das schon?

Tja, Geschichtenerzähler brauchen sie. Jeder Film hat einen. Interne, externe – selbst im Weltraum! Konflikte sind überall. Also warum nicht auch in unseren Improszenen? Wenn ein menschliches Element im Leben existiert, dann sollte es auch auf der Bühne Platz haben. Ihr sagt vielleicht, ihr möchtet keine Streitereien auf der Bühne sehen. Doch Improspieler verwechseln Streitigkeiten und Konflikte gerne mal: Sie sind nicht dasselbe. Sich darüber auszulassen, wer nun besser im Golfen ist, das ist nicht der Punkt. Ich denke, meistens kommt sowas davon, wenn ein Spieler als Gewinner aus einer Geschichte hervorgehen will, unabhängig davon, worum es in der Geschichte geht. Jeder will gut aussehen. Jeder möchte, dass der eigene Charakter besser aussieht, lustiger ist und das schlagkräftigste Argument hat. Deshalb kämpft man um Status und Lacher. Es geht ums Ego.
Deshalb sagen Lehrer manchmal »kein Konflikt!“ zu neueren Improschülern, damit sie besser zusammenspielen. Lieber eine neue Regel aufstellen, als kleinteilig zu erläutern wie es funktioniert und wie wir Konflikte nutzen können. Oder?
Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber wenn mir jemand sagt »tu niemals dies« oder »das wird nie funktionieren«, dann versuche ich umso mehr, einen Weg zu finden.

Konflikte können ein großartiger Weg sein, um Charaktere und ihre Motive zu etablieren. Wenn eine Mutter und ihr Teenager in einer Szene ein Problem miteinander haben, kann man dieses nutzen, um eine Basis für ihre Beziehung zu legen. Wir können diesen ewigen Kampf zwischen Teenager und Eltern als Grundlage nehmen für ihr spezielles Problem, die jeweils andere Sichtweise einzunehmen und einen Perspektivwechsel einzugehen. Wenn sie in jeder Szene gut auskommen, wird es sehr, sehr schwer, eine komplexe Beziehung aufzubauen. Sollten zwei Charaktere immer einen Konflikt miteinander haben? Nein. Manche? Ja. Und manchmal muss dieser Konflikt auch von Beginn an aufgezeigt werden. Ein Superheld und Bösewicht können am Anfang Freunde sein und dann langsam eine Hassbeziehung wachsen lassen. Aber manchmal sind die Bösewichte eben auch einfach böse und haben keine gemeinsame Geschichte mit dem Helden.
Sollte ihre erste Szene dann besser keinen Konflikt haben? Um Himmelswillen nein: Nur weil zwei Charaktere einen Konflikt miteinander haben, heißt das nicht, dass sie nicht für dasselbe Ziel eintreten können. Zwei Mitglieder einer Armee oder eines Teams können damit beginnen, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen, über verschiedenste Themen anderer Meinung sein. Am Ende sind sie aber trotzdem zusammen im Einsatz. Konflikt kann es auch sein, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen, auch wenn man sich eigentlich liebt. Man kann dazu unendlich viele Beispiele und Szenarios finden, denn »Konflikt« hat viele variierende Abstufungen.

Also lass Konflikte für Dich arbeiten. Du musst es schlau anstellen. Schrei nie jemanden auf der Bühne an, den Du noch nie getroffen hast oder der Deine Spielweise nicht kennt. Dein Mitspieler muss sich wohlfühlen und ihr müsst das »Konflikt-Spiel« beide beherrschen. Wer zu schnell einknickt oder den Szenenverlauf nicht absehen kann, lässt die Szene leiden und sieht vielleicht am Ende aus wie ein aufdringlicher Idiot. Ein guter Improspieler erkennt, mit wem er arbeitet und passt sich entsprechend an. Wir können auf der Bühne schnell schlechte Zuhörer sein, umso mehr wenn wir schreien. Stelle sicher, dass, je mehr Dein Charakter außer Kontrolle ist, Du umso mehr Deinem Partner zuhörst. Manchmal wird Dir Dein Partner mit dem, was der Charakter sagt, Hinweise geben, wie er sich gerade als Schauspieler fühlt.

Nicht alle Konflikte beginnen bei 100%, nicht alle starten bei 0,01%. Abwechslung ist wichtig. Gib mir die Freiheit oder gib mir den Tod.

Du (und Dein Szenenpartner) sollten den Unterschied kennen zwischen dem Konflikt der die Beziehung zweier Charaktere begründet und dem übergreifenden Konflikt der Geschichte. Sie haben vielleicht Verbindungen, aber sie sind nicht dasselbe.
Also empfehle ich Konflikte und Streits? Nur auf der Bühne.

Why don't YOU write something about conflict?!

written by Lee White, CRUMBS

Man I hate conflict in my life. I go through great pains to avoid it. Arguments and tension. Who needs it? Well, story tellers do, I guess. Every movie I see has got one. Internal, external, even in space. Conflict is everywhere.

So why not have one in our improv scenes? If some human element exists in life it should exist on stage. You may say you don’t want to see an argument on stage. Well yes, sometimes improvisers confuse arguments for conflict. Arguments and conflicts are not the same. Rambling on about whose car is faster or whose better at golf. This is not the point to conflict. I think mostly it comes from actors trying to come out as the winner, regardless of what the story is. Everyone wants to look good.  Everyone wants their character to look better, be funnier and have the winning argument. So they fight for status and laughs. Its all ego.
So teachers sometimes say „no conflict“ to newer students of improv, to help them play nice together. Better to make up a rule than find the way to explain how it works and how we can use it.
Right?
I don’t know if you are like me but when I hear someone say »never do this« or »this will never work«, I like to try to find a way to make it work.
Conflict can be a great way to establish characters and their motivations. In a scene a mom and teen have problems: It can be used to lay a base for their relationship. We can use that eternal struggle between teen and parents as a way to establish their over all conflict of understanding each other's view. If they get along in every scene, it's hard, really, really hard to establish their complex relationship. Should every two characters have a conflict? No. Should some? Yes. And sometimes their conflict needs to be established from the start. A superhero and villain could be friends to start and then one can grow to hate the other but sometimes villains just are evil and have no prior history with the hero. So should the first scene between them have no conflict? Hell no.  Just because two characters are having a conflict it still means they can be fighting for the same thing. Two members of an army or a team could start with aggravating or annoying each other, disagreeing on a rainbow of topics. In the end they come together. Conflict can just be two characters giving each other a jokingly hard time when they really love each other. We could find who knows how many examples and scenarios to illustrate this, as conflict has so many varying degrees.
So make the conflict work for you. You got to play it smart. Never start yelling at someone you have never met on stage or isn’t familiar with the way you play. Making your scene partner comfortable is important. You both have to know the conflict game. If they give in too soon or don’t see the trajectory of the scene, the story will suffer and you may look like a pushy jerk. A good improvisor sees who they are working with and adapts accordingly. We can be terrible listeners in scenes and much worse when we scream. Make sure the more out of control your character is the more you listen to your partner. Sometimes your partner might give you a big clue of how they are feeling as an actor by what they say as a character. Not all conflicts start at 100%, not all start at 0.01%. Variety is the spice of life. Give me liberty or give me death.

You (and your scene partner) have to know the difference between a conflict to establish two characters relationship and the over all conflict of the story. They may have connections but they are not the same thing.

So do I recommend conflict and arguments? Only on stage.

JUNI

Präsent sein

geschrieben von Regina

Wir können gedanklich schnell vor und zurück springen, Pläne schmieden, so ganz nebenbei an etwas völlig anderes denken.  Wenn ich für zehn Minuten versuche nur das wahrzunehmen, was gerade in diesem Moment passiert, ist das nicht ganz einfach. Schon flitzen meine Gedanken zu dem Treffen heute Vormittag oder ich sehe mich im Zug sitzen, da morgen mein Urlaub beginnt. Diese gedankliche Flexibilität ist eine unglaubliche Fähigkeit, warum also im Moment sein, wenn’s auch viel komplexer geht?
Wir improvisieren mit dem ersten wahrgenommenen Angebot, weil wir für alles offen sein wollen, was kommt. Mit dieser Offenheit und Aufmerksamkeit kann ich darauf vertrauen, dass etwas geschieht, ohne dass ich etwas vorplane oder –denke. Gleichzeitig hellwach sein und ganz gelassen. Das ist für mich ein Bild von Präsenz.
Ein Moment, ein Angebot – daraus entwickle ich mit meinen Spielpartnern eine Geschichte. Beim Improvisieren auf der Bühne und beim Unterrichten lenken wir unsere Konzentration auf alles, was gerade passiert. Welche Angebote gibt es? Was wird geäußert, welche Stimmung entsteht im Raum? Alle Wahrnehmungsantennen sind ausgefahren - auch für mein eigenes Befinden, wo stehe ich gerade, was äußere ich? Das Angebot kann ein Schulterzucken meines Partners oder mein Schmunzeln oder ein umgefallenes Weinglas im Zuschauerraum sein. Wenn diese drei Ereignisse- mein Partner zuckt, ich muss schmunzeln, das Weinglas fällt um- unabhängig und gleichzeitig geschehen, was nehme ich als Angebot auf? Ich fokussiere und treffe eine schnelle vielleicht auch intuitive Entscheidung. Wie die Entscheidung gefällt wird, hängt auch davon ab, was mich - beim Impro-  gerade beschäftigt, worauf wir als Gruppe gerade den Fokus legen,  was mich gerade anspricht. Aber auch davon, was mich gerade verunsichert oder aufregt und dann vermeide ich das Angebot.  Diese schnelle Entscheidungsfindung hat mit meiner Erfahrung und aktueller Befindlichkeit zu tun.
Es ist wie ein Kitzel, wenn wir auf der Bühne plötzlich gemeinsam dieselbe Entscheidung treffen, unseren Fokus auf dasselbe Ereignis legen. Wenn wir diese Aufmerksamkeit für uns und den Moment gemeinsam spüren, dann ist das einfach ein tolles Gefühl. Etwas nicht Alltägliches entsteht, mit voller Konzentration auf meine Umgebung und mich. Es hat für mich etwas sehr verbindendes, wenn ich spüre, dass wir alle gerade gemeinsam offen sind für den Moment. Etwas geschehen lassen, loslassen, absichtslos spielen.  Gedanken, Bewertungen, Erwartungen fallen lassen und einfach vertrauen, dass wir alle wach füreinander sind, das sich eine Idee entwickeln wird. Diese Offenheit und Gelassenheit schaffen wir immer wieder von Neuem- auf der Bühne, im Unterricht, im Leben. Mal klappt’s, mal nicht. Mal schauen, was passiert!

JULI

Impro im gesellschaftlichen Kontext

Geschrieben von Prof. Dr. Wolfgang Nickel, ehemals Professor an der Universität der Künste Berlin und Autor von »Improvisationstheater. Ein Überblick: Das Publikum als Autor«

1.  Historische Texte (zur gegenwärtigen Problematik)
2.  Spiel- (Trainings-)Vorschläge zum Problem der Entscheidung

Dennis Meadows: Die Grenzen des Wachstums.
Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit   (1972)

Es gibt grundsätzlich nur die Alternative zu warten, bis die Kosten technologischer Lösungen die Kraft der Gesellschaft überschreiten oder bis die Nebenwirkungen der Technologie selbst das Wachstum unterdrücken oder bis Probleme auftreten, für die es keine technologischen Lösungen gibt.
Dann aber wird es zu spät sein, um noch zu wählen. Das Wachstum wird dann durch Lasten abgewürgt, die sich dem menschlichen Einfluss entziehen und, wie das Weltmodell erkennen lässt, sehr viel schwerwiegender sein könnten als die, welche sich die Gesellschaft selbst auferlegen müsste.   139
Wir sind überzeugt, dass eine klare Vorstellung über die quantitativen Grenzen unseres Lebensraums und die tragischen Konsequenzen eines Überschießens seiner Belastbarkeit dafür wesentlich ist, neue Denkgewohnheiten zu entwickeln, die zu einer grundsätzlichen Änderung menschlichen Verhaltens und damit auch der Gesamtstruktur der gegenwärtigen Gesellschaft führen.  170   Wir vertreten in der Tat die Ansicht, dass soziale Innovation nicht mehr länger hinter der technischen zurückbleiben darf, dass die Zeit für eine radikale Reform institutioneller und politischer Prozesse auf allen Ebenen einschließlich der höchsten, der Ebene der Weltpolitik, reif ist. Wir vertrauen darauf, dass schon unsere Generation die Herausforderung annehmen wird, wenn sie nur die tragischen Konsequenzen weiterer Tatenlosigkeit richtig einschätzt.  173

Eppler: Ende oder Wende.
Von der Machbarkeit des Notwendigen  1975
Für jeden Monat, in dem im Süden die Bevölkerungsexplosion ungehindert weitergeht, die Zahl der Arbeitslosen weiter wächst, tropische und subtropische Wälder rücksichtslos abgeholzt werden, fruchtbare Böden erodieren, verkarsten oder - bei uns - durch Überdosen von Pestiziden vergiftet werden, knappe Rohstoffe oder Energieträger vergeudetet, Meere vergiftet und Landschaften mit Beton überzogen werden, muss spätestens die nächste Generation bezahlen.  60
Gibt es eine Möglichkeit, das mittel- und langfristig Nötige dem Bürger so nahe-zubringen, dass es auch das kurzfristig Verständliche und Akzeptable werden kann?
Mit wievielen längerfristigen Aufgaben darf man den Bürgern konfrontieren, ohne dass er kopfscheu sein Heil in der Reaktion sucht?
Wieviel an Risiko für die kurzfristige politische Legitimation muss der Politiker auf sich nehmen, wenn er seiner längerfristigen Verantwortung einigermaßen gerecht werden soll?   61
Wenn es eine Tendenzwende gibt, kann sie nach Carl Friedrich von Weizsäcker ‚nicht die Rückkehr zu einer unwiderruflich versunkenen Vergangenheit« bedeuten. Im Gegenteil: sie »verlangt eine weniger oberflächliche und insofern radikalere Form des Fortschritts«.    125 

Club of Rome: Bericht für die achtziger Jahre.
Das menschliche Dilemma. Zukunft und Lernen, Hg. von Aurelio Peccei   (1979)
Da sie (die Menschen unserer Zeit) sich der Veränderungen, die sie an ihrer Umwelt und ihren eigenen Lebensbedingungen vornehmen, nicht bewusst sind, wird der Zwiespalt zwischen Mensch und realer Welt immer größer. Diesen Zwiespalt bezeichnen wir als menschliches Dilemma, dessen Ausmaß, obwohl jetzt bereits weltläufig und gefährlich, sich nahezu unvermeidbar vergrößern wird.   11
Primäres und grundlegendes Ziel ist das Überleben der Menschheit. ... Überleben beginnt mit der Vorsorge für adäquate Nahrung, Schutz und Gesundheit.  37
Partizipation heißt, eine aktive Rolle übernehmen. Um zu vermeiden, dass man eine Rolle zugewiesen bekommt, ist es notwendig, auf eine möglichst große Anzahl von Rollen vorbereitet zu sein.   62
Werte sind von entscheidender Bedeutung für die Entscheidungs-findung. Der Entscheidungsfindungsprozess basiert auf der Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, Vor- und Nachteile gegeneinander abzuwägen und die künftigen Folgen gegenwärtiger Entscheidungen zu prüfen.  73
... Lernen der Bereich ist, der zweifellos die größte Bedeutung für unsere Zukunft haben wird ... 165
Wo die Wissenschaft am nötigsten gebraucht wird, ist sie am wenigsten verfügbar; und am leichtesten verfügbar ist sie im Rüstungswettlauf. ... Sie wird auch in der Erforschung des Weltraumes eingesetzt, die jedoch weniger dringlich ist als Forschung im sozialen Bereich.   178
Zum Abschluss: Betrachtet man die heute sichtbaren Tendenzen auf dem Gebiet der Energieversorgung, in den verschiedenen Wirtschafts-  und Handelsbeziehungen, im Rüstungswettlauf und bei vielen anderen Konflikten, so entsteht ein düsteres Bild für das Jahr 2000 und später. ... werden wir mit der Möglichkeit eines katastrophalen Irrtums mit unvorstellbaren Konsequenzen konfrontiert.  189

Entscheidungsfindung
Die unterschiedlichen Strebungen (Shakespeare: To be or not to be), Angst und Lust, »Soll ich oder soll ich nicht?«, die inneren Diskrepanzen, die Unentschiedenheit, die Suche nach einer Entscheidung ... werden von Philosophen, Psychologen mit unterschiedlichen Termini benannt, in unterschiedlichen Modellen verbildlicht.

Antike Vorstellungen (Platon, Aristoteles, später auch bei Goethe z.B. im Egmont): die Leidenschaften als Pferde, der Mensch als der Wagenlenker, der die Zügel hält und den Wagen steuert.

Freud: Ich, Es, Über-Ich
bzw. Transaktionsanalyse (Eric Berne): Eltern-Ich, Kind-Ich, Erwachsenen-Ich
bzw. Schulz von Thun: Das innere Team (ebenfalls uralt: »Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust ...« – heute sind es ein paar mehr).

All diese »Vorstellungen« lassen sich als »Rollen« realisieren, gegeneinander diskutieren, miteinander spielen.

AUGUST

Über Faulheit, Perfektion und das Pareto-Prinzip

geschrieben von Thomas

Endlich Ferien, endlich Urlaub, endlich mal faul sein!
Aber warum gönnen wir uns eigentlich nicht viel mehr Faulheit im Alltag?
Weil wir meistens perfektionistisch orientiert sind und das Gefühl haben, immer 100% bringen zu müssen.
Auch hier kann man vom Improvisieren was lernen. Denn wenn wir improvisieren, wissen wir ja, daß wir nicht perfekt sein können und es geht uns auch gar nicht darum. Wäre ansonsten ein Wahnsinn, denn theoretisch müsste der perfekte Improspieler das absolute Universalwissen haben, um zu jedem Raum, jedem Beruf, jedem Genre, jeder historischen Epoche, jeder Situation mehr als nur Klischees abzurufen.
Klar: wenn es  beim Klischee bleibt, wird es irgendwann öde. Und daher ist es toll, wenn man als Improspieler neugierig ist; Menschen über ihre Berufe ausfragt, Filme schaut, die man vielleicht sonst nicht schaut, weiß, was gerade los ist, wer oder was in ist oder out. Aber ein gesundes Halb- oder 3/4-Wissen ist da völlig ausreichend.
Übrigens kommt uns da auch das sogenannte »Pareto-Prinzip« zu Hilfe. Vilfredo Pareto untersuchte die Verteilung des Bodenbesitzes in Italien und fand heraus, dass ca. 20 % der Bevölkerung ca. 80 % des Bodens besitzen. Diese 80/20 Regel findet sich auch in statistischen Untersuchungen aus anderen Bereichen (so sind 20% der Konsumenten für 80% des Umsatzes verantwortlich). Im Zeitmanagement ist es so, daß man oft nach 20% der Arbeitszeit bereits 80% des gewünschten Ergebnisses erreicht hat. Wenn ich mich also mit 80% Ergebnis zufrieden gebe, brauche ich nur 20% der Zeit, die ich für die Aufgabe bräuchte, wenn ich perfektionistisch bin (das sollte man als Herzchirurg vielleicht nicht so tun, aber in vielen Aufgaben reichen 80% durchaus).

SEPTEMBER

Tu was! (engl.: Act)

geschrieben von Robert

Was bis in den Profibereich hinein immer wieder vernachlässigt wird beim Improvisieren ist das Handeln auf der Bühne. Wie oft sieht man die Spieler stehen und quatschen. Das kann eine Weile tragen, aber früher oder später wird das Fehlen von Aktion, Körperlichkeit, Raum und Atmosphäre, die erst durch das Handeln und Interagieren entstehen, immer deutlicher.

Daher ist eine der hilfreichsten Faustregeln für Akteure: Etabliere den Raum! Beginne damit!

Über das Etablieren des Raumes, was am besten durch Handeln passiert, findet man auch unweigerlich zu einer Figur, einer Stimmung, einem Hoch- oder Tiefstatus und: Der Spielpartner, der offstage beobachtet, hört nicht nur, wie jemand etwas erzählt, sondern er sieht eine Figur enstehen, die geschickt oder ungeschickt ist, träge oder flink, leise oder laut etc. Zudem ist plötzlich ein Raum da: ein Schiff, ein Bäckerladen, ein Strand, eine Disco... kurz: ein starkes Angebot, eine Inspiration.

Auch für den Zuschauer ist es spannend, diesen Charakter plus Raum beim Enstehen zu beobachten, und der handelnde Spieler ist den Druck los, sofort die ganze Geschichte erzählen zu müssen.

Eine gute Variante des reinen Etablierens durch Handeln ist das Stagepainting: Das Beschreiben des Bühnensettings. Das geschieht meistens durch eine neutrale Erzählerfigur, die dabei über die Bühne geht und bei jedem Element der imaginären Kulisse kurz verweilt. Es kann aber auch - wie z.B. beim Domino-Reigen - schon in der Figur geschehen.

Die wichtigsten Aspekte beim Handeln sind: die körperliche Bewegung des Spielers und die Welt der (imaginären) Gegenstände als Ergänzung zur verbalen Ebene. Alles zusammen erst gibt der Szene Tiefe, den Spielern vielfältige Inspiration und dem Zuschauer den vollen Genuss der Möglichkeiten von Improtheater.

OKTOBER

Momente der Stille

geschrieben von Lutz

rasant, turbulent, spontan! überwältigende spielfreude und energie. ein impuls, noch einer und dieser erst - zack und los! wie das sprudelt!
improtheater begeistert durch geschwindigkeit, kreativität, schnelle ideen aus dem vermeintlichen nichts. kurzweilig, knackig, kernig. vielleicht so wie das leben in berlin mit seinen vielen angeboten und seinem tempo. 

eine metropole braucht aber auch ruhezonen, orte zur besinnung, nischen in die man sich zurückziehen möchte, um mal einen gang runterzuschalten, um zu spüren, einen moment innehalten zu können. ohne diese räume, wäre das leben in einer solchen stadt wahrscheinlich viel zu anstrengend und aufreibend.

wie wohltuend können solche räume, momente in einer pulsierenden improshow auf der bühne sein. sie brechen den möglicherweise zu gleichförmigen rhythmus. sie geben dem publikum raum, zu spüren, was gerade ist, nachzuspüren was gerade war. eine andere atmosphäre entsteht. neue emotionen tauchen auf oder bestehende prägen sich stärker aus. leises, sanftes, feines bekommt eine chance, vielleicht um so mehr, wenn für einen moment die sprache ausbleibt. nun wird die seele »angesprochen« und der intellekt darf ruhen.

eine facette der kunst des improspielens ist es vielleicht, mal einen moment still zu halten und nicht in die nächste atempause des mitspielers reinzugretschen, sei der spieltrieb auch noch so groß.

es braucht diese momente der stille, um das turbulente und deinen mitspieler zum glänzen zu bringen!

NOVEMBER

Behaupten

geschrieben von Konstanze

Wann haben wir eigentlich angefangen unsere Stirn in Falten zu legen, wenn wir etwas nicht verstehen? Wenn man sich kleine Kinder anschaut, für die die ganze Welt neu und unbegreiflich sein muss, sieht man selten ein Stirnrunzeln. Ich beobachte oft, vor allem in den sogenannten Warm-up-Spielen, die ja eigentlich dafür da sind, sich warm zu machen und nicht eloquent zu sein, dass da die Stirn in Falten gelegt wird, die Augen nach oben verdreht werden oder panisch mit dem Kopf geschüttelt wird.
Irgendwas scheint nicht »richtig« sondern voll doof zu sein, irgendwas wird da abgelehnt: »Ich habe keine Ahnung was ich sagen soll, ich habe keine Ahnung was Du meinst, oh Gott, bin ich schlecht, ich komm nicht hinterher!«…
Schade, dass wir da unseren Erforscher-Geist anscheinend verloren haben, der sagen würde: »Ich habe zwar keine Ahnung, was ich da sage, ich habe zwar keine Ahnung was Du meinst, wo das ganze noch hinführen soll, aber hey, es ist voll spannend.«
Müßig zu erklären, dass in einer Welt voller Reglementierung und Rügen - wenn’s nicht die Eltern erledigt haben, dann spätestens die Schule - wir uns selber irgendwann reglementieren und rügen. Inzwischen signalisieren wir selbst: »Ich verstehe dich nicht, also bist du komisch /seltsam/ spinnert.« Meist meinen wir: »Ich verstehe Dich nicht, bin ich zu blöd?« 
Aber Unverständnis wird eben oft mit Ablehnung gleichgesetzt. Theater ist Behauptung. Hurra!
Und so kann man, selbst wenn innen drin die kleine Panik tobt, einfach behaupten, man finde das alles geil. Auch wenn man nur »Bulb« sagt oder »Schronk« hört.
Man muss nicht mal dran glauben, dass man das toll findet. Es reicht völlig, wenn man erst mal äußerlich so tut. Du setzt Dir einfach ein staunendes Lächeln auf und schwellst ein bisschen Deine Brust mit Stolz und ich garantiere dir, das Warm-Up-Spiel wird wesentlich besser flutschen.
Denn Deine Mitspieler werden sich unterstützt fühlen, wenn Du sie freudvoll anschaust, bei dem was sie von sich geben und sie werden Dich toll finden, weil Du das, was Du von Dir gibst, so lustvoll verkaufst. Und irgendwann findest Du Dich vielleicht wirklich für einen Moment mal wieder so genial, wie Du es warst als Kind und »Bulb und Schronk« werden die Helden einer großartigen Fantasy-Geschichte....
Der Körper folgt zwar einerseits den Gefühlen: wenn Du was toll findest, strahlt dein Gesicht. Aber die Gefühle folgen genauso dem Körper: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass nur durch die rein mechanische Bewegung der Mundwinkel nach oben, Glückshormone ausgeschüttet werden. Diese Tatsache eröffnet einen Schauspielweg, der frei von dem ganzen Authentizitäts-Druck »Ich- muss-das-jetzt-aber-ganz-authentisch-fühlen« macht. Ein klarer Ausdruck, eine klare Behauptung –vor allem auf der Bühne- ist oft wichtiger als ein tiefempfundenes Gefühl, was sich aber nicht im Körper veräußert. Michael Tschechow hat sich sehr mit dieser Schauspieltechnik beschäftigt und ganze Bücher mit Übungen dazu verfasst. Lohnenswert.
Im Übrigen gilt dieses Behauptungsprinzip für alle Emotionen. Stell Dich mal in eine Pose der Wut: und? Bist Du schon ein bisschen wütend?

DEZEMBER

Geschichtenerzählen

geschrieben von Michael

Ich stamme aus dem Süden Deutschlands, einer ländlichen Gegend mit fast mediterranem Klima, vielen kleinen Dörfern, Bauernhöfen und Weinbergen. In der Weihnachtszeit liegt meist viel Schnee und die Abende verbringt man oft mit frischen Walnüssen, Linzer Torte, Zwiebelkuchen und einem Glas Gutedel, dem hiesigen Wein. Dabei werden Geschichten erzählt, Geschichten von früher, wahre Geschichten von Erlebtem, von schon oft Erzähltem.
Dieses Geschichtenerzählen muss gelernt sein. In der heimischen Stube genauso wie auf der Bühne.
Doch wie tun wir das? Erst wenn wir eine Ausgangssituation erschaffen, die das Erzählte mit dem Zuhörer verbindet, ist eine Grundlage für das gemeinsame Empfinden gegeben. Erst wenn es uns als Erzähler gelingt, die Distanz zum Zuhörer aufzulösen, wird er für unsere Geschichte empfänglich und berührbar.
Das kann durch in der Geschichte vorkommende Charaktere ebenso wie durch das Erschaffen eines Schauplatzes geschehen oder durch detailliertes Beschreiben einer Situation, in der sich der Zuhörer wiederfindet.
Wir schaffen also bei der Eröffnung einer Geschichte ein Wiedererkennen, eine Verbundenheit, ein heimeliges Gefühl. Und je sorgfältiger und detailverliebter wir in dieser Phase des Geschichtenaufbaus vorgehen, umso stärker ziehen wir den Zuschauer/Zuhörer in unsere Geschichte hinein.
Er wird selbst zu einem Teil der Geschichte, die Freude des Protagonisten wird seine Freude werden, so wie die Hoffnung zu seiner Hoffnung und die Liebe zu seiner eigen Liebe wird. Die Geschichte ist auf den Weg gebracht.
Wenn wir als Erzähler nun diese Freude, Liebe, Hoffnung ins Wanken bringen, wird auch die Freude, Liebe, Hoffnung des Zuschauers ins Wanken gebracht. Er begibt sich gemeinsam mit dem Protagonisten hinein in die Gefahr, gemeinsam mit ihm auf fremde Planeten, in eine Märchenwelt oder geht mit ihm auf einen Abgrund zu. Er folgt uns in die Apokalypse oder ins Paradies oder ins Verderben. Unser Zuschauer wird zum Liebenden oder zum bestialischen Mörder. Freude und Schmerz werden zu seiner Freude und zu seinem Schmerz. Unsere Geschichte ist seine geworden, seine Phantasie wird das übrige tun.
Wir Darsteller und Erzähler sind zum Stellvertreter des Zuschauers geworden und es liegt jetzt an uns, ob wir den Ausgang der Geschichte ins Happyend führen, in die Hoffnungslosigkeit oder ob wir das Ende offen lassen. Der Zuschauer wird die Geschichte mit nach Hause nehmen, darüber nachdenken, vielleicht weitererzählen, etwas hinzutun… Nur vergessen sollte er sie nicht.
In diesem Sinne: Schöne Weihnachten!