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Zwischen Leidenschaft und Erfolg

von Monica Anastase

Diejenigen, die den Weg des Theaters für sich gewählt haben, benutzen oft die Trumpfkarte Leidenschaft. “Ich mache das, was ich liebe” bedeutet dann sowohl den Traum zu verfolgen, als auch immer wieder auf dem Boden zu landen, wenn der Kontoauszug unbefriedigend ausfällt. Vermutlich gibt es irgendwo eine Studie über die langfristigen Vorteile davon, “das zu tun, was man liebt”, von ernsthaften (wahrscheinlich britischen) Wissenschaftlern verfasst, mit einbezogenen Faktoren wie Schwierigkeiten und Stress. Weniger gesprochen wird jedoch von dem entgegengesetzten Fall, wenn nach Jahren des Kampfes und der Beharrlichkeit ein Schauspieler tatsächlich erfolgreich ist und genügend vom Publikum geliebt wird, um die lästige Frage: “Und – kannst du tatsächlich von deinem Beruf leben?” mit JA beantworten zu können. Natürlich wird auch deswegen weniger darüber gesprochen, weil einem dies seltener begegnet.
Ich habe dank eines Erasmus-Stipendiums diesen Sommer 8 Wochen in Berlin verbracht, um für meinen Master anthropologische Forschungen an einer Theatergruppe zu machen, die seit 20 Jahren besteht – den “Gorillas”. Sie spielen drei mal pro Woche vor meist ausverkauftem Haus, unterrichten Theater und Improvisation in verschiedensten Kursen, bieten Unternehmen und Organisationen maßgeschneiderte Angebote an, und organisieren ein großes jährliches internationales Festival. Die meisten der Mitglieder sprechen von ihrer Gruppe als eine Familie und sind stolz auf das, was sie bisher erreicht haben. Die Gruppe wird vom Publikum, darunter sehr viele Stammgäste, sehr wertgeschätzt, es hieß, dort erwarte einen ein Abend, bei dem Spaß garantiert sei. Sie sind erfolgreich. (Hier bräuchte es nun eine Diskussion über die möglichen Definitionen von “Erfolg”, je nach dem vorherrschenden kulturellen Umfeld. Ich hoffe das im Rahmen meiner anthropologischen Studien näher zu verfolgen, bis dahin gehe ich davon aus, dass sowohl Deutsche als auch Rumänen, der abendländischen Tradition folgend, Erfolg mit materiellem Wohlergehen gleichsetzen.)
Eine der größten Spannungen, in der sich die Gruppe nun befindet, ist diejenige, einerseits diesen Erfolg, für den man ja so hart gearbeitet hat, aufrechtzuerhalten, andererseits auch neue Wege und Möglichkeiten der Improvisation im Theater auszuprobieren, womit sie wieder an die Neugier und Leidenschaft anknüpfen, mit der vor vielen Jahren die Reise begann. Einige der neuen Shows, die sie in den vergangenen Jahren präsentiert haben, wurden vom Publikum nicht so enthusiastisch angenommen wie die etablierten und seit langem gespielten Formate, gemessen jedenfalls an der grafisch so gut darstellbaren nackten Zahl der besetzten Plätze.
Es ist dies vielleicht nicht das einzige Kriterium, um zu bemessen, ob das Publikum eine “andere” Show wertschätzen kann, bei der nicht die ganze Zeit gelacht wird, sondern die einen nachdenklich werden lässt, empathisch, vielleicht sogar ein bißchen unwohl. Die einen eine beendete Beziehung besser verstehen lässt oder die Spannung zwischen den Generationen. Dennoch ist es eine Tatsache, die für die Gruppe ärgerlich ist und auf Dauer die Stabilität des gesamten Theaters gefährden kann.
Leidenschaft – Erfolg. Neugier – Trägheit. Risiko – Sicherheit. Chaos – Ordnung. Viele Menschen siedeln “Improvisation” am extremen Ende der Risikoskala an und verbinden es mit absolutem Chaos. Aber ein Improvisierer versteht, wie jeder Mensch mit einem gesunden Überlebensinstinkt, dass Chaos nicht förderlich ist, wenn man einen Sinn vermitteln will. Daher werden bestimmte Grenzen definiert – ein Format, ein Genre, Improspiele mit Regeln, ein Team, der Ort, an dem gespielt wird, etc. Wenn diese Stabilitätselemente dominant werden, kann es sein, dass sich die Schaupieler limitiert fühlen, eingefangen in einem selbst errichteten Schloss. Denn wohin führt die aufsteigende Kurve von Sicherheit und träger Routine? Zu dem (vermeintlich) stabilsten Zustand von minimalem (Null) Risiko.
Also kämpft diese Gruppe Berliner Improvisatoren weiter darum, neue Schlösser zu bauen, neue Künstler zu treffen und mit ihnen auf neue Art zu spielen, mit anderen Worten: die Neugier am Leben zu halten. Wie einer von ihnen sagte: “Du solltest immer etwas Neues lernen wollen. Das ist schließlich das Leben, oder?”

Monica ist Schauspielerin und Produzentin. Impro war bei ihr Liebe auf den ersten Blick. Sie spielt bei der rumänischen Gruppe Improvisneyland. Derzeit macht sie ihren Master-Abschluss in Anthropologie an der Nationalschule für Politik- und Verwaltungswissenschaft in Bukarest, Rumänien.

Übersetzt aus dem Englischen von Thomas Chemnitz.

Between Passion and Success
Those who chose the path of theatre use the trump card of Passion. „I’m doing what I love” is both the Dream they follow, and the soft landing pad to fall on when the banking statement remains unsatisfactory. I guess there must be a research somewhere, done by proper scientists (probably British), about the long term benefits of „doing what one loves”, even factoring in the associated difficulties and stress. The less discussed case is the opposite one, when, after years of fighting and persevering, actors become successful, loved by their audiences so much so that they can say YES to the all-annoying question „So, do you actually make a living out of this?”.
Of course, it’s less discussed because it’s less often encountered. I spend eight weeks in Berlin this summer on an Erasmus scholarship, practicing anthropological research for my Masters Degree, on a group of improvisers who have been together 20 years – Die Gorillas. They perform three times a week for full houses (100-130 spectators), teach a large variety of theatre and improvisation classes, do customized events for companies, and organize an annual International Improv Festival of larger and larger proportion and scope. Most of them use the word „family” when thinking about their group, and are proud of where they are at the present time. They are very appreciated by their audience members, who recommend their shows as „a night of guaranteed fun”. They are Successful. (Of course, this requires a discussion about the possible definitions of „success”, depending on the prevalent culture; until that, I would venture that both Germans and Romanians follow the largely occidental culture of success, based on material welfare – I hope to expand this in my anthropological research).
Yet, one of the main tensions the group’s actors face is the one between keeping the Success (the good standing and the money) which they worked for, and the curiosity to experiment new approaches in improvisation, the Passion that they started their journey with all those years ago. Some of the shows they presented over the past years were not received by the audience as enthusiastically as the already validated ones – counting by the lower number of audience members present, the oh-so-graphic indicator of „butts-in-seats”. Maybe it’s not the only criterion in understanding the audience’s appreciation for a „different” show, during which you don’t laugh all the time, but which makes you thoughtful, empathetic, uneasy, and helps you understand better about that relationship that ended, or about the generational gap. But it’s still a upsetting fact, threatening the stability of the entire house.
Passion – Success. Curiosity – inertia. Risk – safety. Chaos – order. Many people think improvisation is at the extreme end of a risk range, thinking it means absolute chaos. But improvisers, like any person with a healthy survival instinct, understand that absolute chaos does not foster meaning, so they define certain boundaries – a format, a style, rules, a team, the place where they play etc. If these stability elements become dominant, the actors can feel limited, stuck, captive in a castle of their own making. For where is the ascending curve of safety and inertia headed to? The most stable state, with the lowest (zero) risk potential.
So that this group of Berlin improvisers fight to build new castles, meet new artists with whom to play in novel ways, in other words to keep the curiosity alive. As one of them said, “you must always want to learn something new; that’s life, right?”

Monica is an actress and a producer, in love at first sight with improvisation, member in the Romanian group Improvisneyland. She is currently studying for a Master’s Degree in Anthropology, at the National School for Political and Administrative Sciences in Bucharest, Romania.

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