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Impro in der Therapie

von Barbara Klehr

Die Techniken des Improtheaters im therapeutischen Kontext anzuwenden reizt mich, seit ich nebenberuflich zur Schauspielerei noch eine Musiktherapieausbildung gemacht habe, und dann aus diesem Grund von einer Logopädin angefragt wurde, mit ihr zusammen Impro für Stotterer anzubieten. Das war mein erster Kontakt mit Impro im therapeutischen Kontext. Seither habe ich einiges zu dem Thema erfahren, gelesen, diskutiert, und ich möchte von meinen aktuellen praktischen Erfahrungen berichten.

Seit etwa zwei Jahren habe ich eine Honorarstelle in einer sozialpsychiatrischen Ambulanz für Kinder und Jugendliche. Ich leitete dort unter anderem eine Gruppe für Mädchen im Alter von 12 - 16 Jahren (eine neue ist in Vorbereitung). Die Grundidee war, mit ihnen Theater zu spielen und Musiktherapeutisch zu arbeiten, wenn möglich.

Nun habe ich es dort mit zum Teil schwer vorbelasteten jungen Menschen zu tun. Schwere Familiengeschichten, Psychiatrieaufenthalte, Suizidversuche… Schon in der ersten Gruppensitzung wurde alles, was ich mir vorgenommen hatte, über den Haufen geworfen. Einlassen auf Spielangebote war schlichtweg unmöglich, die Jugendlichen waren übervoll mit eigenen Themen. Ich musste im Moment alles neu entscheiden und erfinden. Das ist ja nun mein Beruf als Improspielerin, dennoch in einem vollkommen anderen Kontext jenseits der Bühne nicht so einfach ad hoc umzusetzen. Ich war froh, dass sie nach einem ziemlich turbulenten Beginn, wo immer wieder durcheinander geredet wurde, ein paar Impro-Warm-Up-Spiele mitgemacht haben. Die Zeitspanne für Konzentrationsfähigkeit liegt bei maximal 5 Minuten, d.h, kein Spiel dauerte länger als 5 Minuten, eher weniger, dann verfiel die Gruppe wieder in Herumalbern und Streiten.

Im Laufe der Zeit lernte ich „impromäßig“ zu agieren und zu reagieren: ein Angebot reingeben, schauen wie die Reaktion darauf ist, aufgreifen und weiterentwickeln der Angebote, derer oft viele gleichzeitig im Raum waren.
Jeden zu hören war schon eine hohe Anforderung, und damit dies besser Gelingen konnte, stellten wir Rede-Regeln auf, die für alle akzeptabel waren.
Ich sortierte jeweils die Reihenfolge, was wir zuerst machen, und was dann (what next).
Ich halte die Kids dazu an, einander zuzuhören und auch auszuhalten, was ihre im Affekt abgefeuerten Worte beim Gegenüber emotional bewirken. Manchmal sind sie dann in der Lage eine „neue Wahl“ zu treffen.
Tempo rausnehmen, anhalten zum Zug um Zug reden sind wesentliche Bestandteile meiner Arbeit dort.
Es wird sehr deutlich, wie basal wichtig und gut die Improtechnik für gelingende Kommunikation ist.
Und wie schwer es fällt, diese Techniken zu lernen, wenn die Emotionen schäumen und Wellen schlagen, da ist einfach kein Platz im Kopf, um Spielregeln zu lernen.

Mein Fazit für die Arbeit in diesem Kontext ist, dass „Impro“ in diesem Fall die Art und Weise ist, wie ich mit den Kids umgehe, nicht die Technik, die ich ihnen beibringe. Ich bin diejenige, die auf Impro-Art agiert und reagiert und ich schaffe damit die Möglichkeit, dass zumindest für anderthalb Stunden jede das Gefühl bekommt, gesehen und gehört zu werden. Wer diesen Weg, diese Haltung zu lehren, schon eine ganze Weile geht, ist Improkollege Deniz Döhler mit seinem Projekt Auja. www.auja.org. Das Projekt bietet Hilfe an für Eltern autistischer Kinder. Letztendlich ist es die akzeptierende Haltung, die im wesentlichen trainiert wird.

In bestimmten Zusammenhängen ist es durchaus möglich, durch die Improspiele therapeutische Wirkung zu erzielen, doch das erfordert dass die TeilnehmerInnen bereit und in der Lage sind, Regelspiele zu lernen und dass sie ein gewisses Maß an Reflektionsfähigkeit aufbringen können.
Wir haben uns dem Thema Impro in der Therapie in einer Veranstaltung mit dem Titel Impro in der Therapie, geht´s noch? ausführlicher gewidmet und Therapeut*innen mit Improerfahrung zum Austausch eingeladen. Mehr dazu in Kürze.

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Kommentar von viola |

liebe barbara,
sehr sehr spannend - das von dir beschriebene interessiert mich!
als ausgebildete körpertherapeutin und ehemalige hobby-gorilla-improspielerin (viele jahre bei billa) - seit meinem umzug nach süddeutschland liegt diese leidenschaft brach bzw. spiele ich nur privat in meinem "familientheater" mit drei kindern :-) - bin ich mittlerweile achtsamkeitslehrerin, genauer gesagt mbsr-lehrerin.
und genau in dem kontext interessiert mich auch impro. denn es kommt mir ganz so vor, als ob impro-theater viel mit der praxis der achtsamkeit zu tun hat... präsent sein im augenblick, offen, für was auch immer geschieht. die erfahrungen aus der körpertherapie - die eine art körperachtsamkeit ist - spielen in meine "lehr"-tätigkeit hinein.
spannend, was du berichtest... vielleicht ließe sich das eine oder andere achtsamkeitselement in deine arbeit integrieren - und so eine handhabe für die überschäumenden emotionen liefern? wenn du interesse hast, melde dich sehr gerne bei mir.
weiterhin gutes gelingen und spannende erfahrungen!
herzliche grüße aus dem süden, viola

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