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Fokus des Monats Mai: Überraschung

von Christoph Jungmann

Es war, glaub' ich, im Herbst 1985. Ich nahm im damaligen Transformtheater (wie lange etwas her ist, merkt man, wenn man es beim googeln nur mit großer Mühe findet) in der Hasenheide an einem Theaterworkshop teil bei einem polnischen Regisseur, ein älterer, geradezu weiser und sanfter Mann. Der sagte, nachdem ich eine Szene gespielt hatte, mit seinem charakteristischen Akzent: „Weißt Du, Theater iist vor allem: Iberraschung!“ Definitiv kein anderer Satz hat mein Berufsleben so begleitet wie dieser. Wenn ich einen Abend im Kino oder Theater verbracht habe und darüber nachdachte, warum fand ich es furchtbar oder warum bin ich, obwohl es doch eigentlich nichts auszusetzen gab, nicht begeistert, komme ich immer wieder zu dem Schluss: weil es mich nicht überrascht hat. Und umgekehrt, selbst wenn der Abend insgesamt nicht so doll war - wenn es eine Iberraschung gab, nehme ich zumindest eine bleibende Erinnerung mit.
Natürlich ist das Überraschungsmoment im Improvisationstheater allein schon durch sein Selbstverständnis deutlich vitaler als in anderen Theaterformen - man weiß nie, was kommt, aber stimmt das wirklich? Denn natürlich kann auch in unserer geliebten Impro das Erwartbare Einzug halten. Dass auf dem Impro-Arbeitsamt Willkür herrscht oder ein Pfarrer Knaben liebt oder der Russe Wodka trinkt, nuja, das kommt mir bekannt vor, auch wenn ich die Dialoge noch nicht kenne, weiß ich, wie der Hase läuft, ob mitspielend oder zuschauend. Und jetzt aber wird’s knifflig: Wo und wann negieren wir das von Johnstone so treffend „das Offensichtliche“ Genannte und wo werden wir „originell“? Puh, schwer zu sagen. Da gibt's, glaub ich, keine Regel dafür, das muss der Moment entscheiden, der Zauber der Bühne, die Intuition des Akteurs. Folge also Deinem Impuls, aber wenn der unsicher ist - mach das, was Du sonst nicht machst, spiele in der U-Bahn keinen Kontrolleur und keinen Obdachlosen, sei eine attraktive, nette Schwiegermutter. Überrasche sie alle: das Publikum, die Mitspieler*innen und Dich selbst.

Christoph unterrichtet während der Sommerakademie auf Schloss Trebnitz und sucht in seiner Domino-Klasse mit euch nach überraschenden Figuren und Charakter-Monologen.
(31.8. bis 3.9.2017)

 

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