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Fokus des Monats Juli: Leere (...)

von Leon Düvel

Ich werde manchmal nach der Show, wenn wir noch mit Gästen gemütlich am Tresen sitzen, gefragt: Hast du keine Angst, dass dir nichts einfällt? Hattest du schon mal einen Blackout? Ja, ich hatte schon mal einen Blackout. Und ja, früher hatte ich tatsächlich Angst, dass mir nichts mehr einfällt, Angst vor der Leere (...) Inzwischen zum Glück nicht mehr, denn ich weiß: Leere gibt Platz. Platz für den Spielpartner, Platz für die Phantasie der Zuschauer und Platz für die eigenen Gefühle. Also: Habt keine Angst vor der Leere!

Die Gefahr ist größer, viel zu reden ohne etwas zu sagen. Zu schnell neue Angebote zu machen, anstatt das Aktuelle auf die Spitze zu treiben. Nicht ins Detail zu gehen, um das große Ganze voranzutreiben. Da würde etwas Stille, eine »Leerstelle« gut tun. Eine Verschnaufpause, die das Gesagte, das Gespielte sacken lässt.

Die Leere sollte aber nicht dafür genutzt werden, wirklich auszusteigen. Es ist keine Pause für die Spielerin, den Spieler. Besser ist, man bleibt einfach dran: mit Spannung und Gefühl. Dann kommt von alleine das nächste Angebot. Alles eine Frage der Energie. Bleibt die Energie, bleibt die Spannung. Dann bleibt das Gefühl oder ein anderes kommt. Die Leere sollte nicht dazu führen, das die Improvisation stoppt (…) Dann sollte man sie füllen.

Die Leere ist eigentlich etwas sehr Schönes. Etwas, das wir suchen sollten, ja sogar Heiliges. Denn sie zu finden, ist unheimlich schwer. Nichts zu tun, ist fast unmöglich. Eine leere Bühne kann ein wichtiger Moment in einer Aufführung sein. Sie schafft Atmosphäre, gefüllt mit all den Gedanken und Bildern, die es zu verarbeiten gilt.

Wenn ich ehrlich in mich hineinhorche, so an der Bar, lauert da immer noch eine kleine Furcht vor dem Blackout (...) Aber das ist nicht schlimm, ist sogar gut, gut für die Auftrittsenergie. Dann bleibt »Impro« spannend und ein Drahtseilakt. Doch zu viel Angst sollte man nicht vor dem »Nichtwissen« haben, denn wenn es passiert, gibt es hoffentlich Fehler. Und wie ihr bestimmt wisst: »Fehler sollten Freunde sein«. Siehe Fokus Mai 2016. (Mehr Sorge hätte ich vor einem Stromausfall, dazu empfehle ich das Buch »Blackout« von Marc Elsberg)

Wenn wir uns dann nach meinem dritten alkoholfreien Hefeweizen (Impro-Spieler brauchen keine Drogen) am Tresen verabschieden, sage ich manchmal beim Auseinandergehen: »Mehr Sorgen würde ich mir machen, in einem eingeprobten Stück den Text zu vergessen.« Mein inzwischen betrunkener Gast (er ist kein Impro-Spieler) sagt dann gerne: »Tja, da musst du wohl improvisieren, wa?« (…) Und da fällt mir meistens nichts mehr ein. Gute Nacht.

Leon unterrichtet ab September die Bühnenklasse und die Heldenreise im Impro4ever-Level ab November, garantiert drogenfrei.

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