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Fokus des Monats Dezember: FREUDE AM TRAGISCHEN

von Lee White

Manche Lehrer versuchen Anfänger von tragischen Momenten wegzulenken. Sie sagen immer: „Bleib positiv! Suche ein positives Ende!“ Selbst ich sage Schülern, dass man sich mit tragischen Geschichten in schwieriges Fahrwasser begibt.
Wir brauchen tragische Momente in unseren improvisierten Geschichten. Diese ganze Positivität kann ein bisschen zu viel werden. Eine gute Show sollte ausgeglichen sein und eine Palette an Gefühlsmomenten haben. Trauriges und Tragisches gehört dazu. Also: Lasst uns über die Tragödie reden.
In diesem Wort steckt sehr viel. Im Storytelling gibt es viele verschiedene Ansätze dazu. In Improshows erlebe ich oft, dass für das Tragische wenig Fantasie verwendet wird.
Manche Improspieler glauben, dass es komisch ist, einer Szene ein trauriges oder tragisches Ende zu geben. Dass das Paar sich am Ende scheiden lässt oder einer den anderen umbringt, macht die Szene aber nicht gleich zur Tragödie – oder umgekehrt zur Komödie. Ein Charakter, der plötzlich zum Arschloch wird oder irgendetwas macht, das gar nicht zu ihm passt, nur um eine Reaktion zu bekommen oder um die Geschichte tragisch enden zu lassen, bringt es auch nicht. Ein trauriges Ende macht eine Story nicht zu einer guten Tragödie.
Im Leben passieren chaotische und zufällige Dinge, ohne ersichtlichen Sinn oder Grund. Manche zeigen das gerne in Szenen. Ich denke aber, dass dies eine bekannte Tatsache ist. Wir erleben sie tagtäglich. Warum sollte man es also zeigen? Wenn wir zeigen, dass das Leben ohne Grund grausam ist, dann müssen wir Menschen zeigen, die dies überleben können und dass das Leben trotzdem weitergeht.
Es kann funktionieren oder sogar gut sein, mit einem tragischen Akkord zu enden. Aber ihr solltet wissen, warum ihr eine Geschichte erzählt, die mit dem Schlussgedanken »Schlimme Dinge passieren im Leben« endet. Einfach so mit dem tragischen Moment aufzuhören, hinterlässt ein Publikum ohne viel Hoffnung und auf einen sorgenvollen Weg nach Hause.
Für mich als Zuschauer gibt es ein Element, das ich brauche, um mich am Ende einer tragischen Geschichte gut zu fühlen (Ja, ich möchte mich gerne gut fühlen nach einer Tragödie. Meine Mama sagte immer, wenn sie nach einer traurigen Show heulte: »Es geht doch nichts über ein paar gute Tränen.«)
Eine gute Tragödie sollte uns etwas vermitteln. Die Zuschauer müssen mitbekommen, wo der Protagonist, der nun so leidet, etwas falsch gemacht hat. Zeigt, was falsch gelaufen ist! Dann können wir die Lektion erkennen, die uns hoffentlich eine Erkenntnis über uns bringt, über unsere gemeinsame Existenz auf diesem Planeten. Die Zuschauer sollten Hinweise bekommen, wie sie es vermeiden können, die gleichen Fehler zu begehen wie der tragische Held. Vielleicht denken sie dann über ihre Vergangenheit nach und verändern ihre Zukunft. Für mich ist der Gedanke wichtig, dass die Zuschauer aus den Geschichten, die wir auf der Bühne erfinden, etwas lernen sollten. Aber auch nicht immer.
Bei einer Tragödie halte ich es für entscheidend, dass die Zuschauer mit etwas nach Hause gehen. Wenn es nicht Hoffnung im Leben ist, dann eine Lektion oder ein Gedanke, der eine neue Perspektive gibt. Was wir von Charakteren aus Geschichten lernen, leitet uns durch unser alltägliches Leben. Eine große Tragödie kann die Zukunft der Zuschauer verändern.

Lee White ist ein Kanadischer Improspieler, der seit einiger Zeit in Berlin lebt. Als eine Hälfte des Duos CRUMBS war er regelmäßiger Gast des jährlichen Improfestivals IMPRO. Lee unterrichtet das Taster Weekend am 2.+3.12. und die Abendklasse für Anfänger/Fortgeschrittene auf englisch vom 7.3. bis 25.4.

 

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